„was hat der hund gefressen?“ – die Anamnese bei Magen-Darm-Erkrankungen!

Chris Eikelmeier

Chris Eikelmeier – Physiotherapeut, kPNI-Therapeut (Univ. Salamanca), Dozent und Athlet. 20 Jahre Praxis, 25 Jahre Leistungssport.

Ernährung in der Physiotherapie Ernährung bei Gelenkbeschwerden Reizdarm Ernährung Warstein

Da hatte ich eine „Ernährungsberatung“, naja eher Beratung in Psycho-Neuro-Immunologie und Ernährungsheilkunde, aber naja, „Ernährungsberatung“ ist einfacher. Da ging es um eine Person welche ja schon JAHRELANG Probleme mit dem Stuhlgang hat, naja es läuft zwar richtig gut, aber das ist auch grade das Problem: Sturzstuhl, Durchfall, Unwohlsein. Und genau das sehe ich TAGTÄGLICH in der Praxis! Das Besondere an dieser Person? Der Satz: „Wenn du mit deinem Hund zum Tierarzt gehst und der Hund Durchfall hat, dann wird gefragt, „was hast der Hund denn gefressen?“, wenn ich zum Arzt gehe mit meinen jahrelangen Darmbeschwerden, da fragt keiner mal was ich denn gegessen habe…“ und ich fand das SO GEIL, traurig, witzig, alles zugleich.

ERNÄHRUNGSEMPFEHLUNGEN DER NEUZEIT!?

Ich esse viel Pizza, richtig? RICHTIG! Aber sicherlich nicht die Pizza die du isst! Ich habe Sauerteig im Kühlschrank, den ich seit Jahren auffrische, ich lasse meine Teige lange fermentieren, Minimum 24 Stunden, meist auch um die 28 bis 36 Stunden, ich arbeite mit Vorteigen und dann bei 18°C, also was ich sagen will, es geht ja nicht direkt um Pizza, aber: Getreide ist NICHT Getreide! Dir wird dann Dinkel statt Weizen empfohlen, Vollkorn statt Weißmehl und dann sagen dir die Leute TAGTÄLICH in der Praxis: „Ja, also wenn ich eigentlich ungesünder esse, dann geht es mir viel besser, aber ungesund essen ist ja nicht gut…“ und ich denke mir WAS HAT DER HUND DENN GEFRESSEN? Ich meine – „Vollwertkost“ ist ja nett „ausgewogen“ genauso, aber nicht zwangsläufig gut und Vollkorn kann zwar positivere Effekte auf das Stuhlvolumen, die Peristaltik und den Blutzuckerspiegel haben, aber die Jungs und Mädls haben keinen Diabetes, DIE HABEN DURCHFALL UND REIZDARM UND MAGEN-DARM-BESCHWERDEN und andere Gesundheitsstörungen – allgemein zu sagen „Vollkorn ist besser“, das ist nicht immer richtig!

Die Menge an Antinutrienten ist höher und die reizen eben den Darm – bei jedem, nur merkt es nicht jeder. Zurück zum Wichtigen, die Pizza: Also wenn ich die Pizza von der Bude esse ODER es mit meiner Fermentierung mal nicht so gut meine, also geringere Zeiten nutze, dann bekomme ich als „ehemaliger Reizdarmer“ schon Probleme – nicht wie früher, ich bin sicherlich deutlich stabiler und scheiße mit Durchfall immer noch besser als die Leute die denken bei ihnen wäre alles in Ordnung (dir werden Sachen in der Beratung erzählt, aber 6-Mal Stuhlgang am Tag ist auffällig!!!), aber ich habe ein deutlich höheres Stuhlvolumen, weicher, mehr Blähungen (also mehr heißt überhaupt gegenüber nahezu gar nicht…), was ich sagen will: Die GLEICHEN INHALTSSTOFFE und ein vollkommen anderes Ergebnis.

Wenn du fragst „was der Hund gefressen hat“, dann reicht es oft vielleicht nicht aus, dass dir gesagt wird „Brot“ oder „Getreide“ oder „Fleisch“ oder „Obst“, sondern WIE GENAU!? Die Zubereitung hat einen Einfluss auf das Endergebnis – fermentiert, nicht fermentiert ist nur ein Beispiel, gekocht oder ungekocht, wie meinen?

BALLASTSTOFFE SIND UNGESUND!?

Wenn du Fasern, also die „guten alten Ballaststoffe die überbewertet werden“, der Hitze aussetzt, dann sind sie oft deutlich besser verdaulich und verträglich und nicht selten kommst du auch besser an die enthaltenen Nährstoffe ran (Lee et al 2018, Boback et al 2007, Platel et al 2016, Khanum et al 2000, Bhavami et al 2012) – also grade das „gesunde Obst, Gemüse, Vollkorn“-blabla und dazu noch die „Raw-Food“-Bewegung, führt oft zu MEHR Verdauungsbeschwerden. Nicht immer und rein von der Datenlage muss man sagen, dass das die gesündere Ernährung wäre, wäre, aber was ist, wenn diese Art der Ernährung eben Probleme bei dir macht? Es ist NICHT normal, dass man 3 oder noch mehr Mal am Tag „groß muss“ und es ständig schmiert und dünn ist, du immer furzen musst und extrem unreine Haut etc. hast und die gesamte Klorolle bei einem Durchgang wegscheißt.

Ja aber reduziert Kochen nicht die Nährstoffe? Jein – oft geht es nur ins Wasser über und wird nicht wie oft erzählt „zerstört“. Und selbst wenn ein Nahrungsmittel viele Mikronährstoffe hat, kann die Bioverfügbarkeit selbiger aufgrund Faserstoffe, Phytate, Oxalate und anderen Stoffen geringer ausfallen, als aus einem Nahrungsmitteln welches zwar weniger „gesunde Fasern und Co“ enthält und dafür aber auch weniger Mikronährstoffe enthält, welche aber deutlich besser aufgenommen werden können (Amalraj et al 2015, Sotelo et al 2010, Bohn et al 2004)! Der Mensch KOCHT und benutzt das Feuer – wenn du ein Nahrungsmittel der Hitze aussetzt, dann ist das eine Art der „Vorverdauung“ und daran ist unser Körper vermutlich ganz gut adaptiert. Das spart Energie, macht die Nährstoffe besser verfügbar und macht dich dicker… nunja, das kommt davon, wenn man das was man isst halt auch besser aufnehmen kann und das ist ja natürlich auch gut in Zeiten, in welchen du weniger Nahrung zur Verfügung hast oder hattest (Paläolithikum?). Auch Proteine bleiben durch das Kochen, Backen etcetera, erhalten, also was heißt Proteine, eher die Aminosäuren und die „Bioverfügbarkeit“ selbiger – das Protein wird durch die Hitzeeinwirkung aber „denaturiert“, was nur heißt, dass seine biologische Funktion abgeschaltet wird und das ist gut so – das Gleiche macht ja auch unsere Magensäure.

Phytinsäure, Phytate, welche Mineralstoffe in Pflanzen binden und diese nach dem Verzehr auch nicht mehr freigeben – also es sind zwar viele gute Sachen in der Nahrung drin, aber wir können sie nicht aufnehmen – kann durch Wässern, langem kochen oder auch Fermentierung (Pizza!) fast vollständig abgebaut oder zumindest stark reduziert werden (Gupta et al 2013, Lopez et al 2003) – und auch andere Stoffe wie Gluten (Gliadin!), FODMAPS, können durch Hefe und der Zugabe von Sauerteig und anderen „Milchsäurebakterien“ zu großen Teilen abgebaut werden (Caputo et al 2010, Gobbetti et al 2007, Cagno et al 2004, Menezes et al 2018, Fraberger et al 2018). Selbst der Kohlenhydratgehalt und der glykämische Index könnte durch Sauerteig reduziert werden (Maioli et al 2008, Angelis et al 2008). Pizza KANN ein sehr gutes Nahrungsmittel sein. „Kann“, ist es oft aber nicht. Das ist natürlich überzogen, aber naja, vielleicht auch nicht. Dazu bräuchten wir mal eine gute Studie, ich würde in der Interventionsgruppe teilnehmen!

Hauptsache gesunde Ernährung, auch wenns dir damit Scheiße geht…

ERNÄHRUNGSBERATUNG: Stell die richtigen Fragen!

Worum es geht? JA WAS HAT DER HUND DENN (genau, in welcher Form, Menge, Frequenz…) GEFRESSEN!? Jeder Tierarzt fragt dich, wenn dein Hund Durchfall hat, was der denn gefressen hat – und was macht der Gastroenterologe? Der macht eine Darmspiegelung – der schiebt dir was ganz dickes in den Arsch und sagt „da ist nichts“ und schickt dich heim. „Ja aber Herr Doktor, was soll ich tun?“ und er antwortet „die Wunden Stellen immer schön eincremen, damit du nach dem 12. Stuhlgang innerhalb einer Stunde kein Arschkratzen bekommst“. Vielen Dank, schön, dass ich da war. Na klar ist das grad überzogen, aber so oder so ähnlich läuft es leider oft ab und das finde ich als Therapeut eben sehr traurig!

ERNÄHRUNGSBERATUNG IN DER PHYSIOTHERAPIE?

Ja, das ist zwar nicht der Job des Physiotherapeuten, aber FRAG BITTE AUCH GROB NACH DEN ESSGEWOHNHEITEN, auch wenn du Physiotherapeut bist. Tatsächlich hat eine gute Ernährungsanamnese einen ziemlich hohen Stellenwert innerhalb der Diagnostik von Nährstoffdefiziten, wenn viele Nährstoffe lassen sich gar nicht so gut im Blut, weder im Serum noch im Vollblut, messen. Beispielsweise Jod oder Zink, aber auch B12 misst man nur über Umwege. Zumindest grobe Kante sollte jeder Therapeut, egal in welchem Bereich er / sie arbeitet, auch mal über Lebensstilfaktoren und auch die Ernährung abfragen.

Was das soll? Auch in der Physiotherapie geht es um Wundheilung, um Entzündungen, um SCHLAF, um Schmerzverhalten bzw. Schmerzwahrnehmung und hier spielt die Ernährung (und alle anderen Lebensstilfaktoren) eine ENTSCHEIDENDE Rolle oft eine größere als die gute alte Manuelle Therapie!!! Also keine kleine, sondern eine ENTSCHEIDENDE! Denk an Glycin, Kollagen, Multivitamin, Glutamin, Protein, Darm- und Organbeschwerden welche sich „im Gelenk“ manifestieren (Murray 2009) können, Omega Fettsäuren in der Küche, Eisen-, Zink- und Magnesiummangel und vieles mehr – zumindest solltest du mal so tun als ob es dich interessiert… immerhin.

Wenn du mehr zum Thema Ernährung in der Physiotherapie lernen möchtest, schau dir mal meinen Fachartikel zu dem Thema an!

Denkst du bei Nacken- oder Schulterschmerz an den Darm? Die Leber? Das Herz? (Alemzadeh-Ansari et al 2017, Moghadam et al 2008, Oliva-Pascual-Vaca et al 2019). Allgemeine Schmerzempfindlichkeit an unterschiedliche Organe (Murray 2009)? Hand und Kieferschmerz bei Herzinfarkten (Haugen et al 2015, Dalband et al 2011)?

Auch bei einem Tennisellbogen macht es manchmal mehr Sinn zum Ernährungsberater zu gehen und seine Stoffwechselprobleme in den Griff zu bekommen, als beim Physiotherapeuten „behandelt“ zu werden. Hier liest du mehr dazu.

VERDAUUNGSBESCHWERDEN, REIZDARM, WIE ERNÄHRE ICH MICH AM BESTEN?

Du willst es nicht hören und die ganzen „Fitness-Experten“ sagen dir ja natürlich auch, dass es „völlig egal ist“, aber ist es nicht. Die Mahlzeitenfrequenz, das Timing bzw. die Anpassung an die zirkadiane Rhythmik, also der „inneren Uhr“ (die vermutlich bei fast jedem Menschen plus-minus-1,2-Stunden gleich ist…) und der Kohlenhydrat- und „Antinutrient“-Gehalt (Gifte!?), sind oft die fehlenden Puzzlestücke, ja, sie sind wirklich entscheidend, manchmal jedenfalls.

Was sagst du, wenn du all die „gesunden Sachen“ rauslässt und es dir dann „plötzlich“ besser geht? Du frisst nur noch Fleisch, trinkst Milch, dicke Eier und du bist nach unter einer Woche wieder „gesund“? Kann eine Ernährungsweise die aus Bauchfleisch, Cevapcici und Pommes Majo besteht denn wirklich „gesund“ sein? Was ist „Gesundheit“? Durchfall und Energielosigkeit bei einer „gesunden, pflanzenbetonten vitamin- und nährstoffreichen Kost“ oder eine stabile Verdauung, Drive, Motivation und Energie-Level bis zum Anschlag bei einer „ungesunden fleischbetonten ballaststoffarmen“ Kost?

Was ist, wenn ich dir sage, dass eine „tierisch betonte Ernährungsweise“, zusammen mit einer niedrigeren Mahlzeitenfrequenz, viele deiner Darm- (und vielleicht auch Gesundheits-) Beschwerden in kurzer Zeit eliminieren könnte? Nein, das hat alles (fast) gar nichts mit der Körperkomposition zu tun, nichts mit Sixpack-Selfies und Adern auf dem Schw… Schwizeps, sondern mit Gesundheit. Also zumindest mit meiner Definition von Gesundheit. Durchfall, Blähungen, Schlafstörungen und Energielosigkeit gehört für mich zumindest nicht zur Gesundheit dazu.

Ich sage nicht, dass alle Empfehlungen führender Fachgesellschaften falsch sind, ich möchte einfach nur einmal in den Raum schmeißen, dass wir vieles hinsichtlich gesunder Ernährung noch gar nicht wissen.

Oder was war nochmal Gesundheit? B12 und Eisenmangel, Leaky Gut durch zu geringe Vitamin A Spiegel und zu viel Saponine, ATIs, Gluten, Phytine und FODMAPs, Leistungsverlust durch mangelnde Carnosin-, Carnitin- und Creatin-Spiegel in der Muskulatur, erhöhten oxidativen Stress und Gefäßprobleme aufgrund einem nicht vorhandenen Taurin-Level und ständige Müdigkeit und Darmbeschwerden? Ja, ich glaube das war Gesundheit… nicht.

Hauptsache deine Ernährung sieht auf dem Blatt Papier gut aus, egal wie es sich anfühlt…

Ein kleines Video zum Thema Reizdarm und Leaky Gut, was sich lohnt anzusehen:

Leaky Gut Syndrom Reizdarm Ursachen und Ernährung Behandlung

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HINWEIS: Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle medizinische oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich an deinen Arzt oder Therapeuten deines Vertrauens.

2 Kommentare

Peter Schmitt

Schöner Artikel. Kann ich voll und ganz Nachvollziehen. Selbst als ich mit massiven Verdauungsproblemen und dadurch nur noch 48kg ( auf 1,87m ) halb tot im Krankenhaus lag, hat kein Schwein interessiert, wie das mit dem Essen ist. Magenspiegelung, Darmspiegelung ( „Komisch, da ist alles entzündet. Aber wohl keine Zöleakie und kein Crohn.“ ), AIDS-Test, Röntgen, jeden Scheiß. Nichts mit Futtern. Und war ja schließlich auch auf der klassischen fleischarmen gesunden Vollwertkost. Jahre später ist die Verdauung zwar immer noch beschissen, aber zumindest Gewicht zunehmen / halten klappt einigermaßen ( wieder bei 69kg ). Nach dem das jetzt klappt, hat der Arzt aber keine Lust mehr, noch weiter zu untersuchen ( „Ist wohl einfach IBS. Musst du mit leben.“ ), nach dem was ich esse ( mitlerweile eigentlich nur noch Fleisch, Eier und manchmal Milchprodukte ) hat immer noch keiner gefragt. Aber was soll das schon mit der Verdauung zu tun haben.

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