Sport gegen Depressionen? Krafttraining kann depressive Symptome deutlich reduzieren

Chris Eikelmeier

Chris Eikelmeier – Physiotherapeut, kPNI-Therapeut (Univ. Salamanca), Dozent und Athlet. 20 Jahre Praxis, 25 Jahre Leistungssport.

Depressionen und Kraftsport Trainingsprotokoll

Hilft Sport gegen Depressionen? Ja. Körperliche Aktivität kann depressive Symptome reduzieren und gehört inzwischen auch in den deutschen Leitlinien zu den ausdrücklich empfohlenen Maßnahmen. Besonders gut untersucht sind Ausdauertraining, Krafttraining und Kombinationen aus beidem (Clegg et al. 2026).

Krafttraining zeigt starke Effekte bei Depressionen!

Und jetzt wird’s für mich natürlich interessant: Nicht irgendein Sport – sondern KRAFTTRAINING! Wobei wahrscheinlich auch irgendeiner besser ist als keiner …

Eine ziemlich spannende Studie untersuchte acht Wochen Krafttraining gegenüber einer Warteliste. Das Ergebnis: Die depressive Symptomatik verbesserte sich mit einem großen Effekt. Wichtig: Die Studie untersuchte junge Erwachsene mit unterschiedlich ausgeprägten bzw. teilweise subklinischen depressiven Symptomen – das heißt nicht, dass wir daraus „Krafttraining ersetzt Antidepressiva“ machen dürfen (O’Sullivan et al. 2023), wobei ja, die Studie zeigt so etwas!

Krafttraining gegen Depressionen: Das Protokoll

Also unter uns: Das war wirklich Mutti-Vatti-Training und absolut nichts Wildes. Folgendermaßen sah es aus:

  • 2 Sätze bis die Ausführung schlechter wurde
  • Wenn die 2 Sätze machbar waren, wurde das Gewicht um 5 % gesteigert. Wenn keine 8 Wiederholungen geschafft wurden, wurde es um 5 % reduziert.
  • 8 Übungen: Kniebeugen, Bankdrücken, Trap-Bar Deadlift, Seitheben, Langhantelrudern, Lunges, Bizepscurls und Crunches
  • Das Ganze fand 2-mal pro Woche statt
  • Insgesamt trainierten die Probanden im Schnitt nur etwa 25 Minuten pro Einheit – also weniger als eine Stunde PRO WOCHE!

Nicht schlecht, oder?

Wie stark wirkt Krafttraining gegen depressive Symptome?

Es gab einen Effekt von etwa d = 1,0 – also einen großen Unterschied gegenüber der Wartelisten-Kontrollgruppe (O’Sullivan et al. 2023).

Cohen’s beziehungsweise Hedges‘ d beschreibt vereinfacht die Größe eines Unterschieds zwischen Gruppen.

  • etwa 0,2 = kleiner Effekt
  • etwa 0,5 = mittlerer Effekt
  • ab etwa 0,8 = großer Effekt

Das heißt nicht, dass Krafttraining automatisch genauso gut wirkt wie Medikamente oder Psychotherapie. Die größere Datenlage ist aber ebenfalls interessant: Der aktualisierte Cochrane-Review von 2026 umfasst 73 randomisierte Studien mit fast 5.000 Teilnehmern. Im Vergleich zu keiner Behandlung beziehungsweise Kontrollbedingungen reduzierte körperliches Training depressive Symptome moderat. In den methodisch besseren Studien wurde der Effekt kleiner, blieb aber deutlich vorhanden (Clegg et al. 2026).

Vergleiche mit Psychotherapie und Antidepressiva fanden keine eindeutigen Unterschiede – allerdings beruhen diese direkten Vergleiche auf relativ wenigen kleinen Studien. Aber schon interessant, oder? Meiner Meinung nach MUSS Krafttraining und Sport bei Depressionen verschrieben und empfohlen werden, von allen Therapeuten und Ärzten, denn Sport ist sowieso für uns Menschen wichtig!

Mehr zum Thema Studien lesen und verstehen lernst du hier in Modul 1 der Ausbildung zum Kraft- und Gesundheitstrainer.

Sport hilft nicht nur bei Depressionen!

Aber: Ist das nicht Wahnsinn? Ich meine, wir wissen ja, dass Sport gesund für uns ist. Aber dass strukturiertes Training depressive Symptome in einem klinisch relevanten Ausmaß beeinflussen kann, finde ich sensationell.

Was ich NICHT sagen möchte:

„Nimm keine Medikamente mehr und geh stattdessen Kreuzheben.“

Medikamente und Psychotherapie haben je nach Schweregrad und individueller Situation natürlich ihre Berechtigung. Bei schweren Depressionen oder Suizidgedanken gehört die Behandlung sowieso in professionelle Hände. Was ich aber sagen möchte:

Sport – und auch Krafttraining – ist ein absolut unterschätztes und wahrscheinlich noch immer viel zu selten genutztes Therapeutikum.

Das sieht inzwischen auch die Nationale VersorgungsLeitlinie so: Menschen mit Depression sollen zu sportlicher Aktivität motiviert werden. Strukturiertes und möglichst betreutes Training wird ebenfalls empfohlen. Die beste Evidenz gibt es für Ausdauertraining, Krafttraining oder eine Kombination aus beidem.

Und kleiner Fun-Fact: Krafttraining macht nicht nur deine Gedanken schöner – im Übrigen auch bei Menschen ohne Depression –, sondern eventuell auch deinen Popo UND deine Haut. Nishikori et al. zeigten 2023 beispielsweise, dass Krafttraining bei den untersuchten Frauen Veränderungen der Hautdicke und verschiedener Entzündungsmarker bewirkte.

Quasi Anti-Aging fürs Gesicht und die Apfelsinenhaut?

Millionen von Menschen stellen täglich fest: Man sieht auch ohne Pfirsichhaut wie vierzig aus. Aber macht dir nichts draus!

Wie entstehen eigentlich Depressionen?

Verleugnung
Verzweiflung
Abwehr
Akzeptanz
Samstag
Sonntag

Im Grunde haben wir viel zu selten Wochenende. Das ist zwar nicht die Hauptursache von Depressionen, aber vielleicht auch. Stimmst du mir da zu? Ok, die wirklichen Ursachen von Depressionen?

Depressionen entstehen nicht durch EINEN einzelnen gestörten Botenstoff oder einen einzelnen Mechanismus. Es handelt sich um ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren.

Beteiligt sein können unter anderem:

  • Veränderungen der Stressregulation beziehungsweise HPA-Achse
  • Veränderungen verschiedener Neurotransmittersysteme
  • Veränderungen von BDNF und neuronaler Plastizität
  • Schlafstörungen beziehungsweise Schlafmangel
  • chronischer Stress
  • niedriggradige Entzündungsprozesse
  • metabolische Erkrankungen und Übergewicht
  • hormonelle Veränderungen
  • soziale Isolation
  • traumatische beziehungsweise belastende Erfahrungen
  • individuelle psychologische Faktoren
  • körperliche Erkrankungen

Und genau deshalb finde ich Bewegung so interessant.

Sport greift nicht nur an EINEM Mechanismus an, sondern alle direkt und indirekt.

Training beeinflusst unter anderem Stoffwechsel, Entzündungsregulation, Schlaf, Stressregulation, körperliche Leistungsfähigkeit, Selbstwirksamkeit, soziale Interaktion und verschiedene neurobiologische Prozesse. Das dürfte ein Teil der Erklärung dafür sein, warum Bewegung bei Depressionen überhaupt wirken kann.

Moderne Therapie bei Depressionen?

Meiner bescheidenen Meinung nach – ich bin ja kein Depressionologe – sollten möglichst viele beeinflussbare Faktoren in die Behandlung einbezogen werden.

Psychotherapie? Natürlich.

Medikamente, wenn sie notwendig und sinnvoll sind? Natürlich.

Aber eben auch: Schlaf, Bewegung, Ernährung, soziale Kontakte, Tageslicht, Tagesstruktur und körperliche Gesundheit.

Und zu jeder Gesprächstherapie sollten vielleicht erstmal 30 Liegestütze gemacht werden, bevor das Gespräch beginnt. Denn oft ist das Gespräch danach gar nicht mehr nötig. Oder möglich, weil du so außer Atem bist.

Nein, natürlich Spaß.

Aber der Punkt bleibt: Körper und Psyche sind keine getrennten Systeme.

Welcher Sport hilft bei Depressionen am besten?

Die ehrliche Antwort lautet 2026:

Wir wissen es nicht genau, aber das ist auch egal, denn es gibt gute Daten für:

  • Ausdauertraining
  • Krafttraining
  • Kombinationen aus Kraft- und Ausdauertraining

Eine eindeutige „beste Sportart gegen Depressionen“ lässt sich momentan nicht festlegen (Clegg et al. 2026). Und praktisch ist sowieso etwas anderes entscheidend:

Du musst das Training machen.

Das perfekte Programm bringt dir nichts, wenn du es nicht durchführst. Gerade bei Depressionen können Antriebslosigkeit und Erschöpfung natürlich genau das Problem sein. Deshalb sind kleine, erreichbare Ziele, feste Termine, Trainingspartner oder betreutes Gruppentraining möglicherweise sinnvoller als der theoretisch perfekte Trainingsplan.

Du musst also nicht fünfmal pro Woche ins Gym.

Die oben beschriebene Krafttrainingsstudie kam mit zweimal etwa 25 Minuten Krafttraining pro Woche aus.

Das ist doch zumindest mal ein Anfang.

Ernährung bei Depressionen?

Kurz dazu. Übergewicht und Depression hängen miteinander zusammen – und zwar wahrscheinlich in beide Richtungen. Entzündungsprozesse, Stoffwechsel, Schlaf, körperliche Aktivität und psychosoziale Faktoren können dabei eine Rolle spielen (Fu et al. 2023). Deshalb gehören Ernährung und metabolische Gesundheit für mich ebenfalls zum Gesamtbild.

Ein leichtes Kaloriendefizit bei vorhandenem Übergewicht, ausreichend Protein, eine vernünftige Lebensmittelauswahl und Krafttraining sind also nicht nur etwas für die Fitness-Szene. Auch einzelne Nährstoffe werden im Zusammenhang mit Depressionen untersucht, darunter beispielsweise Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D.

Aber wichtig: Nahrungsergänzungsmittel sind keine pauschale Behandlung einer Depression.

Mängel beziehungsweise eine unzureichende Versorgung zu korrigieren, kann sinnvoll sein. Daraus folgt aber nicht, dass jeder mit Depression einfach Vitamin D, Multivitamin, Probiotika und Omega-3 schlucken muss und anschließend geheilt ist.

Mehr zu Omega-3-Fettsäuren findest du hier.

Also, wenn du absolut die Couch-Kartoffel bist und dich nicht zum Sport aufraffen kannst?

Dann fang klein an. 10 Minuten spazieren. Ein paar Kniebeugen. Ein kleines Krafttraining. Zweimal pro Woche 25 Minuten.

Du musst nicht optimal anfangen. Du musst erstmal anfangen. Und wenn du aus Warstein kommst, komm mal für ein Probetraining für richtiges Krafttraining bei uns vorbei!

In dem Sinne: Gute Besserung!

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Dankeschön!

Chris

Häufige Fragen zu Depressionen und Sport

Hilft Sport gegen Depressionen?

Ja. Aktuelle Übersichtsarbeiten zeigen, dass regelmäßige körperliche Aktivität depressive Symptome reduzieren kann. Sport wird deshalb auch von der Nationalen VersorgungsLeitlinie bei Depression empfohlen (Clegg et al. 2026).

Hilft Krafttraining gegen Depressionen?

Ja. Auch Krafttraining kann depressive Symptome reduzieren. Eine randomisierte Studie mit jungen Erwachsenen zeigte nach acht Wochen zweimaligem Krafttraining pro Woche einen großen Effekt gegenüber einer Wartelisten-Kontrollgruppe (O’Sullivan et al. 2023).

Welcher Sport ist bei Depressionen am besten?

Eine eindeutig beste Sportart ist bisher nicht bekannt. Die beste Evidenz gibt es für Ausdauertraining, Krafttraining und Kombinationen aus beiden Trainingsformen.

Wie oft sollte man bei Depressionen Sport machen?

Es gibt keine perfekte allgemeingültige Dosierung. Bereits zwei Trainingseinheiten pro Woche können sinnvoll sein. Entscheidend ist zunächst, überhaupt regelmäßig aktiv zu werden und eine Belastung zu wählen, die langfristig umsetzbar ist.

Kann Sport Antidepressiva oder Psychotherapie ersetzen?

Das lässt sich pauschal nicht sagen. Sport kann ein wichtiger Bestandteil der Behandlung sein und zeigt in einigen Studien vergleichbare Effekte. Die direkten Vergleiche mit Medikamenten und Psychotherapie beruhen aber auf relativ wenigen Studien. Besonders bei mittelgradigen oder schweren Depressionen sollte die Behandlung mit Arzt beziehungsweise Psychotherapeut abgestimmt werden. Aber: Mach Sport und schaue wie es sich auf deine Beschwerden auswirkt. Das schlimmste was passieren kann ist, dass du dich besser fühlst, Muskeln aufbaust, etwas abnimmst und dich wohler fühlst!

Alle Quellen anzeigen

Quellen:

Clegg AJ, Hill JE, Mullin DS, Harris C, Smith CJ, Lightbody CE, Dwan K, Cooney GM, Mead GE, Watkins CL. Exercise for depression. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2026;(1). doi:10.1002/14651858.CD004366.pub7.

Fu X, Wang Y, Zhao F, Cui R, Xie W, Liu Q, Yang W. Shared biological mechanisms of depression and obesity: focus on adipokines and lipokines. Aging (Albany NY). 2023;15(12):5917–5950. doi:10.18632/aging.204847.

Liao Y, Xie B, Zhang H, et al. Efficacy of omega-3 PUFAs in depression: A meta-analysis. Transl Psychiatry. 2019;9(1):190. doi:10.1038/s41398-019-0515-5.

Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. Version 3.2. Kapitel 9.6: Bewegungs- und Sporttherapien.

Nishikori S, Yasuda J, Murata K, et al. Resistance training rejuvenates aging skin by reducing circulating inflammatory factors and enhancing dermal extracellular matrices. Sci Rep. 2023;13:10214. doi:10.1038/s41598-023-37207-9.

O’Sullivan D, Gordon BR, Lyons M, Meyer JD, Herring MP. Effects of resistance exercise training on depressive symptoms among young adults: A randomized controlled trial. Psychiatry Res. 2023;326:115322. doi:10.1016/j.psychres.2023.115322.

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