ist rotes fleisch ungesund? neu5gc, neu5ac und Gesundheit!

Chris Eikelmeier

Chris Eikelmeier – Physiotherapeut, kPNI-Therapeut (Univ. Salamanca), Dozent und Athlet. 20 Jahre Praxis, 25 Jahre Leistungssport.

neu5gc Gesundheit Mensch rotes Fleisch

N-Glycolylneuraminsäure? N-Acetylneuraminsäure? Ja genau. Du hast davon gehört, du hast es auch schon gegessen und vielleicht bekommst du gerade auch Angst davor?! Neu5Gc und Neu5Ac – gerade Neu5Gc ist der neue Boogeyman on the road. Nie wieder rotes Fleisch, weil es ja so Neu5Gc-haltig und damit so schädlich für dich sein soll?

Ja, naja. Lass uns das mal differenzierter betrachten und schauen was Neu5GC und AC ist und ob Fleisch wirklich so ungesund ist, ok? Kommst du mit? Es gibt da nämlich einiges zu erzählen.

IST ROTES FLEISCH SCHÄDLICH – oder was ist eigentlich Neu5Gc?

Neu5Gc ist eine Sialinsäure, also eine Art Kohlenhydratstruktur, die du auf Zelloberflächen wiederfindest. Über solche Sialinsäuren auf der Zelloberfläche registriert das Immunsystem unter anderem, ob eine Zelle eher „Freund oder Feind“ ist. Diese Registrierung läuft unter anderem über sogenannte SIGLECs, also sialic acid-binding immunoglobulin-like lectins.

Aber das nur mal so.

Neu5Gc wird in der Regel von vielen Säugetieren produziert – deshalb findest du es vor allem in rotem Fleisch. Deutlich weniger beziehungsweise kaum findest du es in Geflügel, Fisch oder Eiern. Da der Mensch ein Säugetier ist, sollte er eigentlich ebenfalls Neu5Gc produzieren. Aber nein. Tut er nicht mehr.

Im Laufe der Evolution gab es eine Mutation, warum auch immer, die das CMAH-Gen inaktiviert hat. CMAH steht für Cytidin Monophosphat N-Acetyl-D-Neuraminsäure Hydroxylase. Dieses Enzym baut normalerweise aus Neu5Ac die ach so „schreckenserregende“ Neu5Gc.

Lies bitte weiter.

Am Ende des Artikels isst du nämlich wahrscheinlich wieder etwas mehr rotes Fleisch.

Vielleicht. Vermutlich. Wahrscheinlich. Eventuell? Gib mir eine Chance…

So funktioniert es: Isst du als Mensch jetzt rotes Fleisch, dann kann Neu5Gc aus der Nahrung theoretisch in menschliches Gewebe beziehungsweise in Zellstrukturen eingebaut werden. So zumindest die „Überlieferung“.

Da Neu5Gc aber eigentlich nicht dahingehört – ich setze hier mal ein eigentlich rein, weil es ja menschenfremd ist –, entsteht die Hypothese: Dein Immunsystem erkennt dieses Neu5Gc als fremd, reagiert dagegen, es entstehen Entzündungen, Autoimmunerkrankungen, Krebs, Atherosklerose und am Ende bist du einfach tot.

Aber … Wäre da nicht unsere etwas andere Geschichte.

Natürlich machen tierische Nahrungsmittel krank … denk an Cholesterin? TMAO?

Du findest im Atherosklerose-Plaque viel Cholesterin. AHAAAA, dachte man damals, dann entsteht Atherosklerose also durch Cholesterin. Du findest bei Herzkranken oft auch erhöhte Trimethylaminoxid-Spiegel, also TMAO. AHAAAAA, denkt man heute, wenn man etwas zu schnell denkt, dann entstehen Herzerkrankungen also durch TMAO. AHAAAA ist das problematisch, wenn man denkt, alles zu wissen und voreilige Schlüsse zieht. Das mit dem Cholesterin wurde in dieser simplen Form widerlegt.

Das mit dem TMAO wird gerade deutlich differenzierter betrachtet, das beschreibe ich in diesem Artikel.

Aber AHAAAA: Man findet im Atherosklerose-Plaque auch Sialinsäuren. AHAAA … Ist ja interessant. Und jetzt?

Tim hat einen großen …, alle, die einen großen haben, heißen Tim.

Die TMAO-Spiegel korrelieren nämlich nur mit Herzerkrankungen. Sie liefern aber noch lange keinen sauberen ursächlichen Mechanismus.  Fisch ist z. B. ziemlich herzgesund, kennst du? Ja, mal abgesehen von den ganzen Umweltbelastungen, dem Plastik und den Schwermetallen im Fisch …

“…Moreover, TMAO reaches much higher levels in people on a seafood diet (> 5000 μmol/l) than those on an egg and red meat diet (139 μmol/l)…”

Aber Fisch erhöht die TMAO-Spiegel stärker als rotes Fleisch? Und jetzt? Da hatten wir endlich einen Buhmann gefunden, der rotes Fleisch tatsächlich ins schlechte Licht rückt, und dann findet man viel zu viele Dinge, die so gar nicht ins Bild passen. Guck mal:

Gerade bei einer Insulinresistenz wird das Enzym FMO3 nicht mehr richtig unterdrückt. Dieses Enzym produziert aus verschiedenen Vorstufen vermehrt TMAO. Es scheint eher so zu sein, dass ein hohes Level an TMAO auch ein Marker für eine Insulinresistenz der Leber sein kann (DiNicolantonio et al. 2019). Und Insulinresistenz ist ziemlich sicher an Herz-Kreislauf-Erkrankungen beteiligt.

Es gibt noch mehr Daten dazu, aber ich will dir hier keinen Aufsatz über alle Daten zum Thema TMAO liefern, den gibts wie gesagt ja hier. Ich will nur, dass du differenzierter denkst, offen bleibst und nicht zu schnell voreilige Schlüsse ziehst und diese Stille-Post-mäßig weitererzählst. Frag dich immer:

„Ja okay … aber was noch?“ – „Was wissen wir noch nicht?“ oder „Warum genau?“

Korrelationen sind noch keine Kausalität. Das ist sehr wichtig! Das darfst du niemals vergessen! Vor allem bei der wirklich jungen Ernährungswissenschaft die weiß Gott noch GAR NICHT GUT IST. Vor allem wenn wir über potenzielle Mechanismen sprechen! Ein weiteres Beispiel: Du findest vermehrt Sialinsäuren in Tumoren. Neu5Gc, sagst du. Nein, sage ich. Ich sage: Sialinsäuren.

Denn auch Neu5Ac findest du vermehrt in Tumoren. Also das eigentlich gesunde!

WAAAAssss? Ja.

Wir dürfen das Thema nicht zu einseitig betrachten. In einigen Krebsarten finden sich auch große Mengen an Neu5Ac (O’Day et al. 2018, Cavdarli et al. 2019). Und auch was Gefäßproblematiken angeht, ist neuerdings nicht nur Neu5Gc, sondern gerade auch Neu5Ac ein mögliches Ziel zur Verbesserung der kardiovaskulären Gesundheit (Zhang et al. 2019). Also du suchst dir aus: Neu5Gc macht Darmkrebs – naja, das sagen sie, aber sagen ist nicht isso – und Neu5Ac mehr Brustkrebs und Tumoren im Nackenbereich?

Ich weiß gerade nicht, was geiler ist. Das Thema ist: In Tumoren werden mehr Sialinsäuren gefunden.

Ja. Aber das heißt nicht, dass Tumore durch Sialinsäuren auch mehr wachsen. Vielleicht speichern Tumore diese nur gerne. Vielleicht sind sie gerade in der Nähe. Vielleicht sind sie Teil einer Immunflucht. Oder vielleicht kann körperfremdes Neu5Gc im Tumor sogar dazu beitragen, dass das Immunsystem diesen Tumor als körperfremd erkennt und angreift (Dorvignit et al. 2019).

Vielleicht. Willkommen in „Medical Hypothesis“.

Kann sein, muss nicht.

Da, wo es brennt, sind Feuerwehrmänner – aber machen die Feuerwehrmänner auch den Brand?

Xenosialitis und der Neu5Gc-Mechanismen

Kennst du die Untersuchung?

“From ‘Serum Sickness’ to ‘Xenosialitis’: Past, Present, and Future Significance of the Non-human Sialic Acid Neu5Gc”

Hier wird gesagt, dass Menschen kein eigenes Neu5Gc mehr bilden können und dass Neu5Gc aus der Nahrung in Zellen beziehungsweise Gewebe integriert werden kann. Das ist soweit ja fast richtig. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass Neu5Gc nicht zwangsläufig aufgenommen wird, aber dann wird weiter erklärt, dass es in Zellkulturen in Zellen eingebaut werden kann.

Folgende Passagen hören sich erschreckend an:

“Human anti-Neu5Gc glycan antibodies interact with metabolically incorporated Neu5Gc to promote chronic inflammation, likely contributing to tumor inflammation and cancer progression (50, 53) and vascular inflammation (37).”

Die zitierten Untersuchungen:

“Hedlund M, Padler-Karavani V, Varki NM, Varki A. Evidence for a human-specific mechanism for diet and antibody-mediated inflammation in carcinoma progression.”

Aber dort steht eben nicht: „Rotes Fleisch verursacht beim Menschen Krebs.“

Es wird viel Neu5Gc im Tumor gefunden und im Mausmodell sorgt viel Neu5Gc für mehr Entzündungen und ein verstärktes Wachstum des Tumors (Hedlund et al. 2008). Des Weiteren wird sehr gerne irgendwas von Samraj zitiert. Eine Studie an Mäusen „beweist“ dann angeblich am Menschen:

“A red meat-derived glycan promotes inflammation and cancer progression.”

Eine Studie an Mäusen beweist am Menschen?

… müssen wir nicht verstehen. Das sah so ungefähr aus: Vermutet wurde Darmkrebs, aber es entstand Leberkrebs. Ok, kann passieren. Zumindest Krebs. Glück gehabt! Und weiter?

Die Mäuse wurden ihr halbes Leben mit einer Hochdosis an Soja-Pellets gemästet. Zutaten: Maisstärke, Dextrose, Sojaproteinisolat, Zucker, Zellulose, Sojaöl, Salz, ein paar Vitamine und Neu5Gc. Die Mäuse saßen im Käfig, ohne natürliches Futter, ohne natürliches Licht, ohne natürliche Bewegung. Viele Studien sind so aufgebaut. Es gibt also einen möglichen Wirkmechanismus zwischen Sialinsäuren und verschiedenen Krankheiten bei Mäusen. Aber so einfach ist das dann doch nicht. Auch wenn Entzündungen getriggert werden würden: Essen wir denn ausschließlich Neu5Gc-haltige Lebensmittel? Mischen wir nicht?

Man nehme mal die 25–131 µg/g Neu5Gc in Rind oder die 7–40 µg/g Neu5Gc in Schwein. Erstmal siehst du hier, dass Schwein nur etwa ein Drittel des Gehalts an Neu5Gc hat wie zum Beispiel Rind. Selbst Ziegenkäse hat mit etwa 43 µg/g Neu5Gc mehr als Schweinefleisch.

Dann enthält Organfleisch mehr als Muskelfleisch und Hackfleisch vielleicht sogar weniger als Muskelfleisch. Jetzt isst du 100 g Schwein, 100 g Rind, 100 g Ei, 100 g Makrele und kommst auf einen Mischwert, der vollkommen anders aussieht als „ich esse nur hochdosiertes Neu5Gc“. Jetzt nimmst du statt Schwein oder Rind mal Geflügel dazu und fällst direkt deutlich runter. Jetzt lässt du mal einen Tag rotes Fleisch ganz raus, dann wird es wahrscheinlich vernachlässigbar gering.

Wir haben hier einen „Buhmann“ gefunden, zeigen mit dem Finger drauf und sagen:

„Siehste, ich hab’s immer gesagt. Selbst wenn du jetzt nichts hast, kommt noch. Ganz bestimmt. Du wirst an mich denken, wenn’s soweit ist.“

Ja, weiß ich nicht.

Warte noch.

Fleisch bleibt ein sehr nährstoffreiches Lebensmittel

Fleisch ist und bleibt ein sehr nährstoffreiches Lebensmittel und viele der dort enthaltenen Nährstoffe weisen eine fantastische Bioverfügbarkeit auf. Und selbst wenn Entzündungen entstehen würden – sitzen wir denn einfach nur rum und tun rein gar nichts dagegen? Was verbessert Entzündungen oder solche Sachen wie Krebsrisiko, Atherosklerose und Herz-Kreislauf-Gesundheit?

Sport.

Mal Fasten.

Schlaf.

Stressmanagement.

Gesundheit, Entzündungen, Krebs – das ist doch kein rein passiver Prozess.

„Oh, du isst rotes Fleisch, dann kannst du jetzt leider nichts mehr tun.“

Nein. Du darfst doch jetzt nicht auf diesen „möglichen“ Buhmann zeigen und so tun, als wäre alles andere vergessen:

  • Welche Makronährstoffe nimmst du auf?
  • Welche Mikronährstoffe nimmst du auf?
  • Was macht deine Darmflora?
  • Wie viel bewegst du dich?
  • Wie viele Kalorien verzehrst du pro Tag oder pro Woche?
  • Wie ist dein Schlaf?
  • Wie vielen Umweltgiften bist du in deinem Alltag ausgesetzt?
  • Wie viel Körperkontakt hast du zu anderen Menschen?
  • Wie sieht dein Sozialleben aus?
  • Wie viel Linolsäure und wie viel Omega 3 nimmst du auf?
  • Wie viele Antinutriente findest du in deiner Nahrung?
  • Wie weit kannst du pissen und welche Schuhgröße hast du?

Glaubst du, gerade bei dieser bisher sehr dünnen Datenlage, dass die Sialinsäure-Problematik der Schlüssel zur Gesundheit ist? Dass es das absolut Wichtigste ist? Schau dir mal solche Untersuchungen wie diese hier an: Da wurden Kohlenhydrate gegen rotes Fleisch ausgetauscht und es gab keine Erhöhung der gemessenen Entzündungsparameter (Hodgson et al. 2007).

Ja, die Studie war auch nicht geil. Aber naja: Es gibt bisher keine geilen Untersuchungen am Menschen, die mit Gewissheit beweisen, dass „das Stück rotes Fleisch“ dich umbringt.

Was in der Ernährungswissenschaft fehlt, auch zum Thema Fleisch und Gesundheit?

  1. Langzeitdaten. Haben wir nicht.
  2. Keine Störfaktoren und Confounding Variablen; werden wir vermutlich nie haben können.
  3. Kontrollgruppen in Kombination von 1. und 2.; wird´s vermutlich nie geben.
  4. Kontextfaktoren und Kombinationen: Fleisch + Sport vs. Fleisch ohne Sport, Fleisch + Gemüse, Fleisch ohne Gemüse, Fleischart gegen Fleischart, genaue Dosis und vieles weitere.

Es gibt viel zu viele definitive Meinungen auf Basis einer wirklich dünnen Datenlage!

Also tink eine Kurkuma-Latte dazu und mach 2 Kniebeugen und alles ist wieder gut? Denn Sport ist meistens gut. Auch hier sage ich nicht immer.

Vielleicht. Vermutlich. Eventuell. Ist eine sehr wissenschaftlich haltbare Aussage.

Und die Mäuseuntersuchungen? Schau dir das an…

Es sind genveränderte Mäuse, die extra von den Wissenschaftlern so „angelegt“ wurden, dass ähnliche Enzyme fehlen wie bei uns Menschen und sie kein Neu5Gc mehr produzieren können. Dazu wurden sie dann, wie oben schon erklärt, im Käfig gehalten und oft wird noch ein Antikörper aus Schimpansenblut gespritzt.

WAAAAsss? Ja genau.

Die bilden diese Antikörper nicht unbedingt selbst in derselben Weise, sondern die Antikörper stammen aus Schimpansenblut. Ich bin mir nicht so sicher, wie praxisrelevant das für uns Menschen ist. Und dann führte es zum Leberkarzinom – ein Karzinom, das nicht gerade häufig auftritt. Es wurde auch nicht gezeigt, dass alle Mäuse krank wurden, sondern es führte zu einem erhöhten Risiko mit statistisch signifikantem Ergebnis. Da sind mir zu viele Möglichkeiten für Fehlerquellen, zu viele Wenns und zu viele Abers. Was ich mir aber gut vorstellen kann – komm mal mit:

Stell dir vor, du isst dein halbes Leben nur Sojafutter mit Sojaöl, angereichert mit Neu5Gc, bekommst Spritzen mit Schimpansenblut, sitzt im Käfig und bekommst jedes Mal Todesangst, wenn ein Riese zu deinem Käfig kommt, um dir die Spritze zu geben.

Oder so. Ich würde dabei auch krank werden. Interessanter wäre, wenn die Mäuse wenigstens normales rotes Fleisch bekommen würden und nicht so ein Chemiefutter. Aber das ist eine Untersuchung, die uns angeblich „beweist“, wie schädlich rotes Fleisch und Neu5Gc für uns ist.

Neu5Gc in der Nahrung bedeutet nicht automatisch Neu5Gc in der Zelle

Ok, differenziert denken und „was noch?“ fragen. Du findest Sialinsäuren, sowas wie Neu5Gc, in der Zellmembran.

Ok.

  • Aber wie kommt es dahin?
  • Und kommt es immer dahin?
  • Und kommt es bei jedem dahin?
  • Und hast du es auch?
  • Und wie viel ist da?
  • Und ab wie viel macht es Probleme?
  • Es gibt einen Mechanismus?
  • Wo wurde dieser bestätigt?
  • In der Petrischale?
  • Im Reagenzglas?
  • Im Tierversuch?

Neu5Gc ist nicht einfach automatisch in deiner Zelle, nur weil du rotes Fleisch gegessen hast.

Es braucht Verdauung, Freisetzung, Aufnahme, Transport, zelluläre Verarbeitung und Einbau in Glykane beziehungsweise Zellstrukturen. Dazwischen stehen Küche, Darmflora, Immunsystem, Transportprozesse, Enzyme und vermutlich individuelle Unterschiede. Da es keine einzige wirklich gute Untersuchung am Menschen gibt, die zeigt, dass Neu5Gc aus rotem Fleisch direkt zu Schaden und Krankheit führt, empfinde ich die Angstmacherei zum Thema schon ziemlich verstörend. Heuristik, aber par excellence.

Denn …

Neu5Gc und Darmresorption?

Ob Neu5Gc – und in welchen Mengen – in menschliches Gewebe aufgenommen wird und was dafür benötigt wird, zum Beispiel eine Immunreaktion oder eine chronisch hohe Aufnahme, ist nicht 100 % klar (Tangvoranuntakul et al. 2003). Während Nager offenbar sehr viel aufnehmen und in ihre Zellen integrieren, scheiden Menschen tatsächlich einen Großteil der aufgenommenen Neu5Gc mit dem Urin wieder aus.

  • Was ist, wenn Mäuse in der freien Wildbahn kein Säugetierfleisch fressen?
  • Was ist, wenn Mäusedaten gar nicht auf den Menschen übertragbar sind?
  • Wieso scheiden Menschen diese Sialinsäure vielleicht wieder aus, Mäuse aber nicht in gleichem Maß?
  • Gibt es Anpassungsprozesse?
  • Gibt es Möglichkeiten, wie der Körper gelernt hat, mit diesem „Fremdstoff“ umzugehen?

Keine Ahnung. Ok, ok. Du isst Neu5Gc-haltiges Happa. Dann gelangt die Nahrung in den Darm.

Und wer ist hier? Genau: das Immunsystem. Genauso wie unsere Darmflora.

Neuere Daten aus dem Jahr 2019 deuten an, dass es bestimmte Bakterienarten gibt, die sich vermehren können, je mehr Neu5Gc-haltige Lebensmittel gegessen werden. Diese Bakterien können Neu5Gc über ein Enzym namens Sialidase aus bestimmten Bindungen freisetzen und damit möglicherweise den Einbau in menschliche Zellstrukturen erschweren (Zaramela et al. 2019).

Es bleibt dann möglicherweise weniger „passendes“ Neu5Gc übrig, weil Bakterien es selbst nutzen, abbauen oder so verändern, dass es schlechter eingebaut werden kann. Um Neu5Gc nämlich in Zellstrukturen einzubauen, benötigt es bestimmte glykosidische Bindungen. Wird diese Bindung gelöst, kann das verbleibende Neu5Gc von diversen Bakterien weiter abgebaut werden. Bruchstücke davon können dann über unseren Urin ausgeschieden werden.

Vielleicht. Vielleicht bedeutet das, dass die Empfehlung „nur geringe Mengen an rotem Fleisch zu verzehren“ sogar in genau die falsche Richtung führt. Und dass es besser wäre zu sagen:

„Friss dein Kilo jeden Tag, das erhöht die Sialidaseaktivität und schützt dich vor den negativen Wirkungen des Neu5Gc.“

Vielleicht. WIR WISSEN ES NOCH NICHT.

Aber es könnte sein, dass wir wieder einmal – denk an Cholesterin – zu voreilig mit unseren Empfehlungen waren.

Naja, „unsere“. Ich persönlich habe noch nie empfohlen, auf rotes Fleisch zu verzichten. Vielleicht krieg ich dadurch Krebs. Aber vielleicht auch gerade deshalb nicht. Zu viele Vielleichts für meinen Geschmack. Da schmeckt mir ein gutes altes, richtig blutiges Steak doch noch etwas besser als diese ganzen Vermutungen.

Neu5Gc bringt Heilung?

Der Verlust von CMAH – erinnerst du dich? Das Neu5Gc-produzierende Enzym – steht in Verbindung mit einer Verstärkung von entzündlichen Krankheiten des Menschen (Okerblom et al. 2017).

Ok.

Frühzeitiger oraler Kontakt mit einem Fremdprotein induziert oft eine Toleranz gegenüber den unterschiedlichsten Fremdproteinen (Reynolds et al. 2017).

Ok.

Es gibt interessante Daten, die andeuten, dass Neu5Gc Interleukin-17 herunterregulieren und T-regulatorische Zellen bei ihrer Differenzierung unterstützen könnte (Frei et al. 2018). Zumindest zeigen das Untersuchungen an Kindern.

IL-17 spielt beispielsweise eine Rolle bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen und entzündlichen Erkrankungen. T-regulatorische Zellen sind eher „anti-entzündliche“ beziehungsweise immunregulierende Zellen.

“Although detailed underpinning immunological mechanisms were not fully known, this was the first study showing an immune-modulatory, anti-inflammatory effect of Neu5Gc itself, which is in contrast to findings of xenograft rejection and tumor growth where anti-Neu5Gc antibodies were associated with a pro-inflammatory status…”

Und ja: Auch Kontakt mit Tieren erhöht die Neu5Gc-Antikörper und nicht nur rotes Fleisch essen (Frei et al. 2019). Auch interessant. Vielleicht müssen wir sogar differenzieren zwischen unterschiedlichen Arten, Quellen oder Kontexten von Neu5Gc. Vielleicht. Was noch?

Wir wissen nicht, was noch kommt. Daher sollte man vorsichtig sein, was man den Leuten empfiehlt. Die Sache ist nicht abschließend geklärt. Nur weil etwas nicht schlecht ist, bedeutet es nicht automatisch, dass es gut ist – aber auch nicht umgekehrt.

Offen bleiben.

Und bitte nicht aus einem Mausmodell, einer Zellkultur oder einer Korrelation direkt eine Ernährungsideologie bauen.

Fazit: Neu5Gc ist spannend – aber kein Beweis gegen rotes Fleisch

Neu5Gc ist eine nicht-menschliche Sialinsäure, die vor allem in rotem Fleisch vorkommt und theoretisch in menschliche Gewebe eingebaut werden kann. Daraus entstand die Hypothese, dass Neu5Gc über Antikörper, chronische Entzündung und sogenannte Xenosialitis zu Krebs, Atherosklerose oder anderen Erkrankungen beitragen könnte. Das ist mechanistisch interessant.

Aber es ist kein sauberer Beweis, dass rotes Fleisch beim Menschen krank macht.

Viele der dramatischen Aussagen beruhen auf Zellkultur-, Tier- oder Mausmodellen, speziellen Versuchsbedingungen, Antikörpermodellen und Korrelationen. Gleichzeitig gibt es offene Fragen zur Aufnahme, Ausscheidung, Darmflora, Sialidaseaktivität, Dosis, Lebensmittelkontext und individuellen Immunreaktion.

Und genau deshalb ist die ehrliche Antwort:

Neu5Gc ist kein Grund, rotes Fleisch panisch zu meiden.

Es ist ein spannendes Forschungsthema. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Fleisch bleibt ein nährstoffreiches Lebensmittel. Ob es für dich sinnvoll ist, hängt nicht an einem einzigen Molekül, sondern am gesamten Kontext: Qualität, Menge, Verarbeitung, Bewegung, Schlaf, Körperfett, Entzündungsstatus, Darmflora, Mikronährstoffe und deiner individuellen Situation.

Häufige Fragen zu Neu5Gc

Was ist Neu5Gc?

Neu5Gc ist eine Sialinsäure, also eine Zuckerstruktur auf Zelloberflächen. Viele Säugetiere bilden Neu5Gc selbst. Der Mensch kann Neu5Gc durch eine Mutation im CMAH-Gen nicht mehr selbst herstellen, kann es aber über bestimmte tierische Lebensmittel aufnehmen.

Was ist der Unterschied zwischen Neu5Gc und Neu5Ac?

Neu5Ac ist eine Sialinsäure, die der Mensch selbst bildet. Neu5Gc entsteht bei vielen Säugetieren normalerweise aus Neu5Ac über das Enzym CMAH. Beim Menschen ist dieses Enzym inaktiviert, weshalb wir Neu5Gc nicht mehr selbst produzieren.

Ist Neu5Gc in rotem Fleisch gefährlich?

Nach aktueller Datenlage ist Neu5Gc kein sauberer Beweis dafür, dass rotes Fleisch beim Menschen krank macht. Es gibt mechanistische Hypothesen, Zellkultur- und Tierdaten, aber keine gute Humanstudie, die zeigt, dass Neu5Gc aus rotem Fleisch direkt Krankheit verursacht.

Macht Neu5Gc Krebs?

Das kann man so nicht seriös sagen. Neu5Gc wurde in Tumorgewebe gefunden und in Tiermodellen mit Entzündung und Tumorprogression in Verbindung gebracht. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass Neu5Gc beim Menschen Krebs verursacht.

Bedeutet Neu5Gc in der Nahrung automatisch Neu5Gc in der Zelle?

Nein. Neu5Gc muss erst aus der Nahrung freigesetzt, aufgenommen, transportiert und in Zellstrukturen eingebaut werden. Darmflora, Enzyme, Immunreaktionen, Dosis und Ausscheidung spielen dabei wahrscheinlich eine Rolle.

Sollte man wegen Neu5Gc auf rotes Fleisch verzichten?

Aus den bisherigen Daten lässt sich kein pauschaler Verzicht auf rotes Fleisch ableiten. Sinnvoller ist es, auf Qualität, Verarbeitung, Menge und den gesamten Lebensstil zu achten, statt ein einzelnes Molekül zum alleinigen Gesundheitsproblem zu erklären.

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Mehr lesen

Quellen:

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Dhar, Chirag, Aniruddha Sasmal, and Ajit Varki. 2019. “From ‘Serum Sickness’ to ‘Xenosialitis’: Past, Present, and Future Significance of the Non-Human Sialic Acid Neu5Gc.” Frontiers in Immunology 10: 807. DOI: 10.3389/fimmu.2019.00807.

DiNicolantonio, James J., Mark F. McCarty, and James H. O’Keefe. 2019. “Association of Moderately Elevated Trimethylamine N-Oxide with Cardiovascular Risk: Is TMAO Serving as a Marker for Hepatic Insulin Resistance?” Open Heart 6 (1): e000890. DOI: 10.1136/openhrt-2018-000890.

Dorvignit, Denise, Kayluz F. Boligan, Ernesto Relova-Hernández, Marilyn Clavell, Armando López, Mayrel Labrada, Hans-Uwe Simon, Alejandro López-Requena, Circe Mesa, and Stephan von Gunten. 2019. “Antitumor Effects of the GM3(Neu5Gc) Ganglioside-Specific Humanized Antibody 14F7hT against Cmah-Transfected Cancer Cells.” Scientific Reports 9: 9921. DOI: 10.1038/s41598-019-46148-1.

Frei, Remo, Ruth Ferstl, Caroline Roduit, Mario Ziegler, Elisa Schiavi, Weronika Barcik, Noelia Rodriguez-Perez, et al. 2018. “Exposure to Nonmicrobial N-Glycolylneuraminic Acid Protects Farmers’ Children against Airway Inflammation and Colitis.” Journal of Allergy and Clinical Immunology 141 (1): 382–390.e7. DOI: 10.1016/j.jaci.2017.04.051.

Frei, Remo, Caroline Roduit, Ruth Ferstl, Liam O’Mahony, and Roger P. Lauener. 2019. “Exposure of Children to Rural Lifestyle Factors Associated with Protection against Allergies Induces an Anti-Neu5Gc Antibody Response.” Frontiers in Immunology 10: 1628. DOI: 10.3389/fimmu.2019.01628.

Hedlund, Maria, Vered Padler-Karavani, Nissi M. Varki, and Ajit Varki. 2008. “Evidence for a Human-Specific Mechanism for Diet and Antibody-Mediated Inflammation in Carcinoma Progression.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 105 (48): 18936–18941. DOI: 10.1073/pnas.0803943105.

Hodgson, Jonathan M., Natalie C. Ward, Valerie Burke, Lawrence J. Beilin, and Ian B. Puddey. 2007. “Increased Lean Red Meat Intake Does Not Elevate Markers of Oxidative Stress and Inflammation in Humans.” The Journal of Nutrition 137 (2): 363–367. DOI: 10.1093/jn/137.2.363.

O’Day, Elizabeth M., Greg E. Idos, Collin Hill, Joan W. Chen, and Gerhard Wagner. 2018. “Cytidine Monophosphate N-Acetylneuraminic Acid Synthetase Enhances Invasion of Human Triple-Negative Breast Cancer Cells.” OncoTargets and Therapy 11: 6827–6838. DOI: 10.2147/OTT.S177639.

Okerblom, Jonathan J., Flavio Schwarz, Josh Olson, William Fletes, Syed R. Ali, Paul T. Martin, Christopher K. Glass, Victor Nizet, and Ajit Varki. 2017. “Loss of CMAH during Human Evolution Primed the Monocyte-Macrophage Lineage toward a More Inflammatory and Phagocytic State.” The Journal of Immunology 198 (6): 2366–2373. DOI: 10.4049/jimmunol.1601471.

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Samraj, Annie N., Oliver M. T. Pearce, Heinz Läubli, Alyssa N. Crittenden, Anne K. Bergfeld, Kalyan Banda, Christopher J. Gregg, A. E. Bingman, Patrick Secrest, Sandra L. Diaz, Nissi M. Varki, Ajit Varki, and Stuart A. Kornfeld. 2015. “A Red Meat-Derived Glycan Promotes Inflammation and Cancer Progression.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 112 (2): 542–547. DOI: 10.1073/pnas.1417508112.

Tangvoranuntakul, Pam, Pascal Gagneux, Sandra Diaz, Muriel Bardor, Nissi Varki, Ajit Varki, and Elaine Muchmore. 2003. “Human Uptake and Incorporation of an Immunogenic Nonhuman Dietary Sialic Acid.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 100 (21): 12045–12050. DOI: 10.1073/pnas.2131556100.

Zaramela, Livia S., Cameron Martino, Frederico Alisson-Silva, Steven D. Rees, Sandra L. Diaz, Léa Chuzel, Mehul B. Ganatra, et al. 2019. “Gut Bacteria Responding to Dietary Change Encode Sialidases That Exhibit Preference for Red Meat-Associated Carbohydrates.” Nature Microbiology 4: 2082–2089. DOI: 10.1038/s41564-019-0564-9.

Zhang, Chao, Jingyuan Chen, Yuhao Liu, and Danyan Xu. 2019. “Sialic Acid Metabolism as a Potential Therapeutic Target of Atherosclerosis.” Lipids in Health and Disease 18: 173. DOI: 10.1186/s12944-019-1113-5.

Alle Quellen findest du u.a. bei Pudmed!

HINWEIS: Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle medizinische oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich an deinen Arzt oder Therapeuten deines Vertrauens.

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