
„Ok, also soll ich jetzt noch ein (anderes) MRT machen!?“
Kennst du diesen Gedanken? Ein MRT (Magnetresonanztomographie) für eine Diagnose? Für deine Probleme, Schmerzen – damit du ENDLICH weißt, was du tun kannst? Das Problem: Viele Menschen erwarten vom MRT etwas, das es gar nicht leisten kann.
Der Klassiker aus der Praxis: „Wir müssen gar nicht untersuchen – ich hab ja ein MRT.“
Das kommt sehr häufig vor. Ein Klient sagte zu mir:
„Wir müssen gar nicht untersuchen, ich habe ja ein MRT.“ – ehm, nein?
Ich so: „Ein MRT zeigt nicht automatisch das, was du hast.“
Er: „Natürlich zeigt das MRT, was ich habe – sonst müsste man doch kein MRT machen!“
Und genau das ist der Irrglaube: Auf MRTs sieht man ganz viele Befunde, ohne dass sie irgendeine Relevanz für deine aktuellen Beschwerden haben müssen. Was du stattdessen brauchst?
- Anamnese: Was sind die Symptome? Seit wann? Was triggert sie? Was hält sie aufrecht?
- Klinische Untersuchung: Welche Bewegungen/Belastungen lösen Beschwerden aus? Welche Tests passen zu welcher Struktur?
- Kontext: Schlaf, Stress, Erwartung, Angst, Alltag, Training, Belastungssteuerung, Ziele, Erwartungen, Glaubenssätze?
- Yellow Flags (gelbe Flaggen): psychosoziale Faktoren wie Angst-Vermeidung, Katastrophisieren, Stress, depressive Stimmung etc., die Schmerzen verstärken oder chronifizieren können?
Wofür MRT primär da ist?
Nicht „exakt zu sagen, was du hast und was du jetzt tun musst“, sondern vor allem Red Flags abzuklären: Tumor, Infektion, Fraktur, schwere Pathologien – also Dinge, die man nicht übersehen darf, weil sie unbehandelt ernsthaft schaden können. Beispiele was ein MRT abklären könnte:
- Verdacht auf Tumor/Infekt/Fraktur (Red Flags)?
- freie Gelenkkörper („loose bodies“)?
- abgelöste/instabile Fragmente?
- größere strukturelle Schäden, die OP-Planung beeinflussen?
- Schulter z. B. eine Hill-Sachs-Delle nach Luxation?
Asymptomatische Befunde im MRT müssen nicht „abheilen“ (weil sie oft gar nicht das Problem sind)
Nur weil man im MRT etwas sieht, heißt das noch lange nicht, dass es die Ursache für deine Beschwerden ist. Klingt paradox? Aber wenn du keine Beschwerden hast und trotzdem ein MRT machen würdest, würde man mit hoher Wahrscheinlichkeit trotzdem „irgendwas“ finden, aber du hast ja gar keine Beschwerden?
Du findest oft: Bandscheibenvorwölbungen, Degenerationen, kleine Risse, Arthrosezeichen, Rotatorenmanschetten Risse, SLAP-Läsoinen – all das kommt auch bei völlig beschwerdefreien Menschen häufig vor. Die Bildgebung zeigt eben nur Struktur, nicht die Beschwerden und Probleme!!!
Das ist auch ziemlich gut belegt: Bei asymptomatischen Menschen nimmt die Häufigkeit von „degenerativen“ Wirbelsäulenbefunden stark mit dem Alter zu – z. B. Bandscheibendegeneration bis 96% bei 80-Jährigen (Brinjikji et al. 2015)? Auch im Knie findet man sehr häufig MRT-Befunde unabhängig von Schmerzen (Guermazi et al. 2012), teils haben Fußballer mit 25 schon „ernsthafte Befunde“ des Kniegelenks, ohne, dass es sie einschränkt?
Kommt ein Patient zum Arzt… fragt der Arzt: „Rauchen Sie?“
Patient: „Also wenn Sie mich schon so fragen, dann nehme ich lieber einen Drink!“
Fallstrick #1: Unterschiedliche Radiologen = unterschiedliche Befunde
Bei Herzog et al. (2017) wurde dieselbe Person in 10 Zentren untersucht – 10 Radiologen, am Ende massiv unterschiedliche Befunde und eine insgesamt schlechte Übereinstimmung (Herzog et al. 2017) – es gab hier über 40 Befunde und kein einziger Radiologe hat alle gesehen! Beim einen hattest du dann vermutlich eine „ernsthafte Problematik“ und beim anderen „fast nichts“ – aber deine Beschwerden, die hattest du bei beiden gleich, oder?
Fallstrick #2: „Gorilla im MRT“ – wir sehen nicht immer, was da ist?
Es gibt diese berühmte Studie zur „inattentional blindness“ bei Experten: In CT-Bilder wurde ein Gorilla eingebaut – viele Radiologen haben ihn NICHT GESEHEN (Drew et al. 2013)!!! Siehst du den Gorilla?

Kein Vorwurf – das zeigt einfach: Auch Bildgebung ist ein menschlicher Prozess mit Limitationen und selbst wenn die KI das jetzt demnächst besser macht, das führt vermutlich zu NOCH MEHR asymptomatischen Zufallsbefunden und noch mehr Panik und noch mehr unnötigen Operationen und fragwürdigen Behandlungen?

„Ein MRT hilft dir NICHT bei der Diagnose!“
Ein MRT dient primär dazu, Red Flags abzuklären und/oder eine bereits klinisch begründete Hypothese zu stützen. Diagnose entsteht aus:
- Anamnese
- klinischer Untersuchung
- Verlauf/Belastungsreaktion
- ggf. Bildgebung als Baustein, nicht als finale Diagnose
Der „gute alte Bandscheibenschaden“?
Meistens ist das gar keine Katastrophe. Bandscheibenbefunde sind oft keine Red Flag und auch gut in den Griff zu kriegen – 2/3 oder mehr heilen sogar einfach von alleine ab, teilweise merkst du da gar nichts von (Zhong et al. 2017, Zou et al. 2024). Auch bei asymptomatischen Menschen sind Bandscheiben-Protrusionen/Bulges sowieso extrem häufig (Brinjikji et al. 2015).
Lies hier mehr zu Bandscheibenschäden.
Gründe für Verletzungen:
Früher: Vom Baum gefallen, vom Auto angefahren, Kickboxen…
Heute: Niesen, Bücken, morgens aufstehen, aus der Badewanne aufstehen…
Beispiel Asymptomatischer Befund ist nicht das Problem!
Du bist schmerzfrei, keine Ausfälle, kannst 300 kg Kreuzheben, 150 kg Bankdrücken, sprinten, leben, bumsen – alles gut. Dann MRT: „Bandscheibenschaden“. Und plötzlich:
- Radiologe tanzt im Kreis
- Der Arzt sagt dir „da haben wir den Übeltäter“
- Chirurg zückt das Messer
- du bist verunsichert und hast Angst, nimmst Schmerzmedikamente für Schmerzen, die du gar nicht hattest
Was jetzt? Nichts was jetzt, solange Symptom und Funktion dazu nicht passen. Ab ~30 sieht man bei vielen Menschen „Veränderungen“: Arthrosezeichen, Tendinosen, degenerative Befunde – oft normal, oft nicht behandlungsbedürftig, oft ohne Konsequenz.
Das eigentliche Risiko ist häufig nicht der Befund – sondern die Interpretation und die Angstspirale (Nocebo). Genau deshalb ist Kommunikation so entscheidend, denn:
Die schlimmste Krankheit ist die (falsche) Diagnose!
Kurze Anekdote: Ich hatte vor einigen Monaten ein echt dickes Knie, Schmerzen des Todes, konnte rein gar nichts machen – nicht stehen, gehen, nicht beugen oder strecken – aber arbeiten, das muss ich trotzdem… ja ich weiß, unfaire Welt. „Meniskus gerissen, oder?“ – Jein. Den Riss habe ich seit 20+ Jahren. Mit 17 war im ersten MRT schon ein Meniskusschaden sichtbar. Und ich konnte trotzdem 20 Jahre lang sprinten, springen, Saltos machen, schwer Kreuzheben usw.
Lies hier mehr zum Thema Meniskus und Knie.
Dann: Belastung etwas zu schnell gesteigert, bisschen zu viel tiefe Hocke/Mobilisation – und dann … stieg ich aus der Badewanne und konnte das Knie nicht mehr strecken oder beugen. Ich lief am Schreibtischstuhl (zum Rollator umfunktioniert). Sah witzig aus, meine Großmutter wäre stolz gewesen.
MRT am nächsten Tag: großer Meniskusschaden in alle Richtungen („degenerativer Meniskusriss“). Radiologe:
„Das MUSS AUF JEDEN FALL operiert werden.“
Ein Fragment war offenbar „abgerutscht“/mechanisch blockierend. Durch Mobilisation ließ sich das lösen. OP-Termin stand im Raum (bei Blockade meist der Weg), aber: Problem löste sich. Und jetzt, kein Jahr später: 250+ kg Kreuzheben, sprinten, springen – und das MRT-Bild? Vielleicht kein bisschen verändert. YOLO… SWAG.


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Fallstrick #3: „MRT ohne Befund“ heißt nicht „da ist nichts“
Das ist die andere Seite der Medaille. Manche Läsionen sieht man im Standard-MRT (supine, ohne Kontrast) schlechter. Für SLAP-Läsionen der Schulter ist die Trefferquote von non-contrast MRI teils deutlich niedriger als bei MR-Arthrographien! Es gibt auch Literatur die zeigt, dass Upright/Weight-bearing MRI bzw. axial loading zusätzliche/andere Befunde zeigen kann als das klassische Liege-MRT, weil du Belastung/Positionen reproduzierst, die Symptome triggern (Nguyen et al. 2016, Fiani et al. 2020, Alyas et al. 2008).
Mehr sehen heißt nicht automatisch besser behandeln, weil Relevanz immer klinisch eingeordnet werden muss.
Lernst du in der Ausbildung zum Kraft- und Gesundheitstrainer und im Assessment² Workshop von mir: Zu unseren Events!
Ist ein MRT nutzlos? Mitnichten.
Ein MRT ist ein Puzzlestück. Ein sehr gutes sogar – wenn man es richtig verwendet. So sieht eine saubere Diagnostik praktisch aus:
- Anamnese (der Patient „erzählt“ dir oft schon die Richtung)
- Klinische Untersuchung (Reproduktion, Differenzierung, Funktionsdiagnostik)
- Hypothese (was passt wirklich?)
- Bildgebung gezielt:
- Red Flags ausschließen
- OP-Planung unterstützen
- Differenzialdiagnosen klären
- Verlauf/Unsicherheit reduzieren – aber ohne Angstmache
Häufige Zufallsbefunde:
- Knie: viele strukturelle Veränderungen auch ohne Schmerzen (Guermazi et al. 2012).
- Wirbelsäule: „degenerative“ Befunde sind häufig Teil normalen Alterns (Brinjikji et al. 2015).
- Schulter bei Overhead-Athleten: asymptomatische Läsionen sind häufig (Lesniak et al. 2013).
- Turner: 100% Signalauffälligkeiten vs. 20% Kontrollen (De Carli et al. 2012).
- Und’n Gorilla im CT…
Ein Bild ohne passende Klinik ist bei vielen orthopädischen Fragestellungen wie die „Diagnose durch die Hose“. Aber auch: „Da ist nichts“ im Bild heißt nicht zwingend „da ist nichts im Körper“. Das Bild ist nur das Bild!
Behandle den Menschen, nicht das Bild!
Das eigentliche Problem: MRTs triggern oft unnötige Angst – und daraus entstehen echte Probleme!
MRTs können zu folgenden Dingen führen:
- unnötigen Operationen (fehlende Aufklärung)
- mehr Schmerzmittel (für Dinge, die nicht zwingend problematisch sind)
- „Bildern im Kopf“, die Schmerz und Verhalten negativ beeinflussen
Wenn Menschen hören „kaputt“, „verschlissen“, „degeneriert“, dann ändern sie (automatisch) ihr Verhalten! Das WORT ist sehr wichtig zum MRT und darauf achten leider sehr wenige Behandler. Durch Schonung reduziert sich die Belastbarkeit und Schmerzen nehmen zu – Bewegung und Aktivität sind wichtige schmerzlindernde Maßnahmen und die einzigen, welche die Belastung erhöhen – das führt zu mehr Sensibilität und einer reduzierten Belastungstoleranz. Es ist dann fast wie die selbst erfüllende Prophezeiung!
Und dann tut’s auf einmal wirklich mehr weh? Ein Klient hat’s mal ganz gut zusammengefasst: „Also ist da jetzt gar nichts kaputt, sondern das Gewebe nur etwas irritiert, richtig?“
Richtig. Und was macht man bei Irritation?
Reiz kurz raus, nicht mehr irritieren, Irritation abklingen lassen, dann sauber wieder aufbauen: Belastung dosieren, Kapazität steigern, Vertrauen zurück.
Arzt: „Nach dieser Verletzung werden Sie nie wieder Sport machen können!“
Patient: „GOTT SEI DANK!“
MRT-Bilder liefern keine Diagnose.
Sie liefern Informationen über Struktur – und die muss man im Kontext lesen: Symptome, Funktion, Verlauf, Belastungsreaktion, psychosoziale Faktoren. Lass dich nicht vom „Foto“ blenden. Hör auf deinen Körper – und wenn du einen Befund bekommst: Hol dir jemanden, der dir das ohne Angst, aber mit Klarheit einordnet.
Danke für deine Zeit, gute Besserung,
Chris
Achso, noch einen zum Schmunzeln:
Arzt schaut sich die Röntgenbilder an und sagt: „Oh ja, genau das hatte ich erwartet!“
Patient: „Ohje, was denn?“
Arzt: „Knochen!“
* Wenn du selbst gerne ein besseres Verständnis zum Thema Befundung, Diagnostik und Anamnese haben möchtest, dann empfehle ich dir meinen Workshop dazu: ASSESSMENT² WORKSHOP für manuelle Gelenkuntersuchungen, aber auch Darm- und Atemgasttests – hier zeige ich dir die Theorie, Praxis und Interpretation evidenzbasierter, valider und praxisrelevanter Testbatterien für die Identifizierung unterschiedlicher Gelenk- und Strukturprobleme, sowie deren Interpretation und wichtiges Know-How zur Rehabilitation und Einschätzung der Befunde.
Für alle Trainer, Therapeuten, Ärzte UND Betroffene von Verletzungen und Schmerzen, empfehle ich natürlich mein neues Buch: Diagnose sportunfähig! Dort lernst du noch viel mehr zum Thema, Bildgebung, Anamnese, Rehabilitation von Verletzungen und Schmerzen, Ernährungsstrategien für Physiotherapeuten und und und – mehr als 500 Seiten feinste Lektüre, aktuell, evidenzbasiert und mit 1000ten von wissenschaftlichen Quellen; auf letztere habe ich in diesem Beitrag verzichtet, da ich gerade im Urlaub am Tisch sitze, einen Cappuccino schlürfe und einfach mal Bock hatte einen kleinen Beitrag zu schreiben, der dir hoffentlich etwas helfen und Angst nehmen kann! Für jede Aussage gibt es aber zahlreiche Quellenbelege, Quelle: Vertrau mir, Bro!
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Quellen
Brinjikji W, Luetmer PH, Comstock B, Bresnahan BW, Chen LE, Deyo RA, Halabi S, Turner JA, Avins AL, James K, Wald JT, Kallmes DF, Jarvik JG. Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. AJNR Am J Neuroradiol. 2015 Apr;36(4):811-6. doi: 10.3174/ajnr.A4173. Epub 2014 Nov 27. PMID: 25430861; PMCID: PMC4464797.
De Carli A, Mossa L, Larciprete M, Ferretti M, Argento G, Ferretti A. The gymnast’s shoulder MRI and clinical findings. J Sports Med Phys Fitness. 2012 Feb;52(1):71-9. PMID: 22327089.
Drew T, Võ ML, Wolfe JM. The invisible gorilla strikes again: sustained inattentional blindness in expert observers. Psychol Sci. 2013 Sep;24(9):1848-53. doi: 10.1177/0956797613479386. Epub 2013 Jul 17. PMID: 23863753; PMCID: PMC3964612.
Guermazi A, Niu J, Hayashi D, Roemer FW, Englund M, Neogi T, Aliabadi P, McLennan CE, Felson DT. Prevalence of abnormalities in knees detected by MRI in adults without knee osteoarthritis: population based observational study (Framingham Osteoarthritis Study). BMJ. 2012 Aug 29;345:e5339. doi: 10.1136/bmj.e5339. PMID: 22932918; PMCID: PMC3430365.
Herzog R, Elgort DR, Flanders AE, Moley PJ. Variability in diagnostic error rates of 10 MRI centers performing lumbar spine MRI examinations on the same patient within a 3-week period. Spine J. 2017 Apr;17(4):554-561. doi: 10.1016/j.spinee.2016.11.009. Epub 2016 Nov 17. PMID: 27867079.
Lesniak BP, Baraga MG, Jose J, Smith MK, Cunningham S, Kaplan LD. Glenohumeral findings on magnetic resonance imaging correlate with innings pitched in asymptomatic pitchers. Am J Sports Med. 2013 Sep;41(9):2022-7. doi: 10.1177/0363546513491093. Epub 2013 Jun 17. PMID: 23775245.
Nakashima H, Yukawa Y, Suda K, Yamagata M, Ueta T, Kato F. Abnormal findings on magnetic resonance images of the cervical spines in 1211 asymptomatic subjects. Spine (Phila Pa 1976). 2015 Mar 15;40(6):392-8. doi: 10.1097/BRS.0000000000000775. PMID: 25584950.
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