L-Carnitin: Wirkung, Dosierung und wann es sinnvoll ist?

Chris EikelmeierChris EikelmeierTherapeut · Coach · Athlet
Was genau ist L-Carnitin und was macht es wofür nehmen

In aller Kürze: L-Carnitin ist eine vitaminähnliche Verbindung, die dein Körper selbst bilden kann und die eine zentrale Rolle im Fettstoffwechsel spielt. Es hilft dabei, langkettige Fettsäuren in die Mitochondrien zu bringen, wo daraus Energie entstehen kann – aber das bedeutet leider nicht automatisch, dass mehr Carnitin direkt mehr Fettverbrennung oder Gewichtsverlust macht, es ist allerdings die Voraussetzung für die Energieproduktion aus Fettsäuren! Sinnvoll wird Carnitin vor allem dann, wenn Ernährung, Bedarf, Training, Alter, Regeneration oder ein möglicher Mangel ins Spiel kommen, denn in manchen Situationen kann Carnitin fehlen oder eine höhere Dosierung sinnig sein. Es ist ein Supplement, welches nur stiefmütterlich behandelt wird und worüber niemand mehr so recht sprechen mag. Ein Supplement, welches vor einigen Jahren so richtig der Renner war. Ein Supplement, welches durch Kreatin und Beta-Alanin, HMB und Clear Whey in Vergessenheit geraten ist.

Genau. Also nicht genau, sondern: L-Carnitin.

Carnitin klingt für viele immer noch nach „alter Fatburner aus der Bodybuilding-Schublade“. Und ja, dieser Ruf ist etwas selbst verschuldet, weil Carnitin lange komplett übertrieben vermarktet wurde. Aber biochemisch ist Carnitin deutlich spannender als: „Nimm 2 Kapseln und dein Bauchfett verlässt freiwillig die Wohnung.“, dein Körperfett bleibt also erstmal auf der Couch sitzen, du hoffentlich auch und liest erstmal in Ruhe diesen Artikel zum L-Carnitin: Was es kann, was es tut und wofür es gut ist!?

Was ist L-Carnitin?

L-Carnitin wird im Körper aus Vorstufen der Aminosäuren L-Lysin und L-Methionin gebildet. An der Carnitin-Biosynthese sind mehrere enzymatische Schritte und Cofaktoren beteiligt, unter anderem Vitamin-C- und eisenabhängige Reaktionen (Vaz et al. 2002, Pekala et al. 2011). Früher wurde Carnitin auch als Vitamin BT bezeichnet. Heute zählt es nicht als klassisches Vitamin, weil der Körper es selbst herstellen kann. Ein kleiner Fun-Fact:

Carnitin hat einen aminartigen Geruch. Also ja: Es kann fischig riechen.

Der Name kommt von „Carne“, also Fleisch. Fleisch war auch das erste Lebensmittel, in dem Carnitin gefunden wurde. Und es ist nach wie vor so: Die größten Mengen findest du in tierischen Lebensmitteln. Carnitin gehört damit zu den bioaktiven Fleisch- beziehungsweise Tierprodukt-Verbindungen, sogenannte MeBiCos (Meat-based bioactive compounds).

Fleisch und Gicht Fruchtzucker und Harnsäure Sport baut Harnsäure ab

Was macht Carnitin im Körper? Vorsicht, Biochemie incoming…

Ganz kurze Carnitin-Biochemie. L-Carnitin ist vor allem im Fettstoffwechsel wichtig. Langkettige Fettsäuren können nicht einfach so in die Mitochondrien spazieren und sagen: „Moin, ich würde gerne verbrannt werden.“ Dafür gibt es das sogenannte Carnitin-Shuttle.

L-Carnitin ist ein Promotor der Fettsäuresynthese in den Mitochondrien. Also der Fettsäuretransporter namens Carnitin-Palmitoyl-Transferase (CPT1) bringt langkettige Fettsäuren aus dem Cytosol in die Mitochondrien, dort werden diese mittels Beta-Oxidation zu Acetyl-Coenzym-A abgebaut, diese wird im Citratzyklus dann weiter abgebaut und am Ende entsteht sowas wie H+, H+, H+, H+ … diese werden zur Atmungskette transportiert und da entsteht dann irgendwie Energie, also ATP.

Vereinfacht:

  • langkettige Fettsäuren werden aktiviert
  • über Carnitin-abhängige Transportmechanismen in Richtung Mitochondrien gebracht
  • dort über Beta-Oxidation abgebaut
  • dabei entsteht Acetyl-CoA
  • Acetyl-CoA geht in den Citratzyklus
  • am Ende entsteht ATP, also Energie

Ich will dich nicht langweilen. Dazu sind meine Seminare da. Obwohl die meisten Leute meine Dinger ziemlich gut finden… Der entscheidende Punkt ist:

Carnitin ist für den normalen Transport langkettiger Fettsäuren in die Mitochondrien wichtig.

Kurz- und mittelkettige Fettsäuren, wie du sie zum Beispiel in Butter oder Kokos findest, sind hier etwas anders unterwegs. Sie können schneller in den Energiestoffwechsel einfließen und sind deshalb auch stärker ketogen. Wieder was gelernt? Ich hoffe.

Carnitin und Krankheiten? Mechanismen und alte Studien…

Dubelaar konnte 1991 zeigen, dass die Muskelkraft um 34% 8 Minuten nach einer Carnitininjektion anstieg, naja, zumindest bei Hunden. Aber wer spritzt sich das Zeug schon und wer von euch ist ein Hund? Volek konnte 2001 zeigen, dass die Lipidperoxidation und die Malondialdehydkonzentration in Gewebe, Blut und Urin, als Marker für oxidativen Stress, durch L-Carnitin reduziert werden kann. Blutgefäße besitzen auch einen Carnitin-abhängigen Energiestoffwechsel und Krämer konnte 2000 zeigen, dass bei einem Carnitinmangel die Gefäßdilatation, also die Erweiterung der Gefäße, stark beeinträchtig wird. Und was das heißt? Keine Durchblutung – keine Muskeln. Keine Durchblutung – keine Energie, kein Leben, kein gar nichts. Bei einem Mangel!

Da Carnitin dem Cholin und dem Acetylcholin sehr ähnlich ist, kann es auf dem Acetylcholin-Nikotin- und dem Muskarinischen-Rezeptor andocken und parasympathische Wirkungen wie Schmerzlinderung, Durchblutungssteigerung, Entspannung entfalten und Unruhe reduzieren. Carnitin ist also sowas wie ein Acetylcholinmimetika und genau das Gegenteil von dem was Koffein macht – ein Sympathikomimetika. Mehr Carnitin erhöht auch den „endothelial derived relaxing factor“, also Stickstoffmonoxid (NO) des Endothels und verbessert die Sensitivität des Muskarinischen Rezeptors. Carnitin kann nach Fernandez (1992) Nitroglyzerin bei Herzpatienten einsparen. Mehr Carnitin heißt theoretisch mehr Durchblutung und das bedeutet unter anderem weniger Laktatproduktion – das spart deine Glykogenspeicher und macht dich belastbarer bei länger andauernden oder wiederkehrenden Belastungen. Das ist zumindest ein hypothetischer Mechanismus, warum Carnitin die Ausdauerleistung positiv beeinflussen kann. Und L-Carnitin senkt in einigen Daten auch erhöhte Ammoniakspiegel bei Leberpatienten. Das konnte Laschen im Jahr 2000 mit 2g pro Tag L-Carnitin beobachten. L-Carnitin und FettabbauAmmonium hemmt z.B. den Austausch von Malat und Aspartat zwischen Zytosol und Mitochondrien, was dazu führt, dass NADH nicht mehr zu NAD+ oxidiert werden kann – Pyruvat und Laktat häufen sich an, was du z.B. messen könntest. Pepine hat 1991 gezeigt, dass es wirklich so ist, dass L-Carnitin die Ausscheidung von Ammonium über Harnstoff fördert. Und 1992 konnte gezeigt werden, dass Carnitin die Reparatur beschädigter Phospholipide der Zellmembran fördert – es repariert also unsere Zellen und was ist der Mensch ohne seine Zellgesundheit? Nichts mehr, der alte Zellhaufen!

Und wer sagt, dass die Eigenproduktion ausreichend ist? Untersuchungen zum Thema zeigen, dass die Oxidation langkettiger Fettsäuren durch L-Carnitin gefördert werden kann, auch wenn kein Mangel vorliegt?

Und Mateus et al. zeigt in einer Studie aus dem Jahr 2023, dass etwa 2g L-Carnitin einen positiven Effekt auf die männliche Fruchtbarkeit hat.

Ist Carnitin essenziell?

Hör sich alles vielversprechend an? Aber hier müssen wir sauber unterscheiden. Carnitin ist funktionell extrem wichtig für den Energiestoffwechsel. Ohne Carnitin läuft die Nutzung langkettiger Fettsäuren nicht normal. Aber Carnitin ist kein offiziell essenzieller Nährstoff im Sinne von: „Du musst es jeden Tag zwingend zuführen, sonst stirbst du sofort.“, denn dein Körper kann Carnitin selbst herstellen. Also:

Carnitin ist stoffwechselphysiologisch wichtig, aber nicht klassisch essenziell wie Vitamin C oder eine essenzielle Aminosäure.

Apropos Vitamin C: Zur Bildung von Carnitin wird Vitamin C benötigt und es gibt die Carnivore-Hypothese, dass man weniger Vitamin C benötigt, wenn man mehr Carnitin mit der Nahrung aufnimmt. Aber nur als Zusatzinfos, also weiter: Der Großteil des Carnitins befindet sich in der Muskulatur. Das ergibt auch Sinn: Muskeln brauchen Energie, und Fettsäuren sind ein wichtiger Energieträger. Wenn Carnitin fehlt oder deutlich reduziert ist, kann das theoretisch bedeuten:

Du hast zwar Fettreserven, aber kannst daraus nicht optimal Energie bereitstellen und könntest müde werden. Das heißt nicht, dass jede Müdigkeit ein Carnitinmangel ist. Bitte nicht wieder: „Chris hat gesagt, ich bin müde, also brauche ich Carnitin.“, weißt du wie oft ich Dinge gesagt haben soll? Aber der Mechanismus ist wichtig.

Aber wie machen erstmal weiter!

Carnitin Lebensmittel: Wo steckt L-Carnitin drin?

Carne steht für Fleisch und Fleisch war das erste Lebensmittel, in welchem Carnitin gefunden wurde. Und es ist nach wie vor so, auch wenn L-Carnitin seit mehr als 100 Jahren bekannt ist: die größten Mengen findest du im Fleisch (20 – 200mg pro 100g Lebensmittel). Hummer enthält ebenfalls um die 20mg, Hering etwa 12mg, Milch- und Käseprodukte bis zu 12mg.

Carnitin steckt also vor allem in tierischen Lebensmitteln. Die besten Quellen sind:

  • rotes Fleisch
  • Fleisch allgemein
  • Fisch und Meeresfrüchte
  • Milchprodukte bisschen
  • Käse bisschen

In Gemüse und Obst findest du Carnitin nur in Spuren. Das ist für Veganer und teilweise auch Vegetarier interessant, weil der Körper Carnitin zwar selbst bilden kann, dafür aber Lysin, Methionin, Vitamin C, Eisen, B-Vitamine und weitere Stoffwechselbausteine benötigt. Lysin findest du vor allem in proteinreichen Lebensmitteln. Methionin ebenfalls. Eisen mit guter Bioverfügbarkeit steckt vor allem in tierischen Lebensmitteln. Und bei den B-Vitaminen wird es je nach Ernährungsform auch schnell mal dünn. Für die Veganer unter uns wird es grad ziemlich knapp. Vitamin C alleine reicht da nicht, sorry bro.

Das bedeutet nicht, dass jeder Veganer automatisch Carnitin supplementieren muss. Aber es bedeutet:

Wenn du rein pflanzlich isst, viel trainierst, müde bist oder dich generell mit Energiestoffwechsel beschäftigst, dann ist Carnitin zumindest ein interessanter Punkt zum Nachdenken.

Persönlich würd ich´s supplementieren. Schau dir z. B. mal Tanngrisnir von Götterspeise an!

Kreatin von Götterspeise Meat Based Compounds

Kann der Körper Carnitin selbst herstellen?

Ja. Wie gesagt. Der Körper kann Carnitin selbst bilden. Die Biosynthese läuft unter anderem über Lysin und Methionin und benötigt mehrere enzymatische Schritte und Cofaktoren (Vaz et al. 2002, Pekala et al. 2011). Aber nur weil der Körper etwas herstellen kann, heißt das nicht automatisch, dass es in jeder Lebenssituation optimal läuft und wir einfach auf Carnitin verzichten können. Das gilt aber für viele Stoffwechselprozesse.

Theoretisch kann dein Körper vieles.

Praktisch schläfst du 5 Stunden, bist gestresst, isst wie ein beleidigter Waschbär, trainierst zu viel oder zu wenig und wunderst dich dann, warum die Biochemie nicht wie im Lehrbuch läuft. Carnitin kann also selbst gebildet werden – aber Ernährung, Cofaktoren, Bedarf und Stoffwechsellage spielen mit rein.

Für was ist Carnitin gut?

Die wichtigste Antwort: Carnitin ist vor allem für den Fettstoffwechsel und die Energiegewinnung aus langkettigen Fettsäuren wichtig.

Darüber hinaus wird Carnitin in Studien in verschiedenen Bereichen untersucht und zeigt positive Effekte auf / bei:

  • Sport und Regeneration
  • Muskelstoffwechsel
  • Müdigkeit und Belastbarkeit
  • männliche Fruchtbarkeit
  • kardiometabolische Fragestellungen
  • Alterungsprozesse
  • Nervensystem, besonders Acetyl-L-Carnitin

Aber das ist jetzt wichtig: Dieser Artikel ist der Haupt-Artikel (Hub) zum Thema L-Carnitin. Hier geht es um den Überblick und wir gehen nicht zuuuu sehr ins Detail, aber ausreichend, damit du verstehst was Carnitin macht und wie man es einsetzen kann. Spezieller wird es hier: Hier liest du z. B. mehr zu L-Carnitin und Herzgesundheit und hier mehr zu Carnitin im Sport!

Carnitin und Abnehmen: Hilft L-Carnitin beim Fettverlust?

L-Carnitin ist wichtig für die normale Fettverbrennung langkettiger Fettsäuren. Die häufigste Frage ist vermutlich ob Carnitin beim Abnehmen hilft? Jein. Biochemisch ja, aber praktisch nicht unbedingt: Mehr Carnitin bedeutet nicht automatisch mehr Fettverlust.

Das ist der wichtigste Satz in diesem Abschnitt. Wenn Carnitin nicht limitierend ist, dann macht mehr Carnitin nicht automatisch mehr Fettverbrennung. Eine Studie bei moderat übergewichtigen Frauen zeigte zum Beispiel, dass L-Carnitin zusammen mit aerobem Training keinen zusätzlichen Gewichtsverlust förderte (Villani et al. 2000). Das heißt nicht, dass Carnitin nutzlos ist. Aber wenn genug Carnitin da ist und du kein Carnitin-Defizit hast (seltener), dann hilft es nicht mehr Fett abzubauen.

Wenn du abnehmen willst, brauchst du weiterhin:

  • Kaloriendefizit
  • ausreichend Protein
  • Krafttraining
  • Schlaf
  • Bewegung
  • Nährstoffversorgung
  • weniger Eskalation am Kühlschrank

Carnitin kann biochemisch interessant sein, aber es ersetzt natürlich keine Basics. Sorry.

Wann kann Carnitin sinnvoll sein?

Carnitin kann besonders interessant sein, wenn einer dieser Punkte zutrifft:

  • sehr geringe Carnitin-Zufuhr über die Ernährung
  • fehlende Co-Faktoren (siehe oben)
  • rein pflanzliche Ernährung
  • hohe körperliche Belastung
  • Regenerationsfokus im Sport
  • höheres Alter
  • Diätphasen mit Müdigkeit und Leistungseinbruch
  • sehr einseitige Ernährung
  • Interesse an mitochondrialem Energiestoffwechsel
  • mögliche Mangel- oder Risikosituation

Das ist bewusst vorsichtig formuliert. Carnitin kann in bestimmten Kontexten ein sinnvoller Baustein sein. Und genau so sollte man Supplemente betrachten. Nicht als Ersatz für Ernährung, Training, Schlaf und medizinische Abklärung. Sondern als Möglichkeit im individuellen Context.

Wie merkt man einen Carnitin-Mangel?

Ein echter primärer Carnitinmangel ist selten, aber ernst. Dabei handelt es sich um eine angeborene Störung des Carnitin-Transports beziehungsweise Carnitin-Stoffwechsels. So etwas gehört natürlich medizinisch abgeklärt und behandelt. Daneben kann es niedrigere Carnitinverfügbarkeit oder sekundäre Mangelsituationen geben, zum Beispiel in bestimmten medizinischen Kontexten oder bei stark erhöhter Belastung. Mögliche Hinweise können sein:

  • ungewöhnliche Müdigkeit
  • geringe Belastbarkeit
  • Muskelprobleme
  • Konzentrationsprobleme
  • auffällige Stoffwechselsituation
  • schlechte Regeneration

Aber Achtung: Diese Symptome sind unspezifisch. Müdigkeit ist nicht automatisch Carnitinmangel. Müdigkeit kann auch bedeuten: Du schläfst zu wenig, isst zu wenig, isst zu schlecht, trainierst zu viel, bewegst dich zu wenig, hast Stress, trinkst zu wenig oder dein Leben ist gerade einfach ein schlecht programmierter Zirkel. Wenn ein echter Mangel im Raum steht, gehört das wie gesagt diagnostisch sauber abgeklärt.

Welche Carnitin-Form ist sinnvoll?

Es gibt verschiedene Carnitin-Formen. Für den Hub reicht ein kurzer Überblick.

L-Carnitin-L-Tartrat

Diese Form taucht häufig im Sport- und Regenerationskontext auf. In Studien wurde L-Carnitin-L-Tartrat zum Beispiel im Zusammenhang mit Markern der Regeneration nach Trainingsstress untersucht (Volek et al. 2002) und zeigt eine leichte Verbesserung der Erholung beim Sportler.

Acetyl-L-Carnitin

Acetyl-L-Carnitin wird eher im Zusammenhang mit Nervensystem, kognitiver Funktion und bestimmten neurologischen Fragestellungen untersucht. Es gibt einige Hinweise darauf, dass Acetyl-L-Carnitin bei Symptomen eines Carpal-Tunnel-Syndroms helfen könnte, das zeigt Cruccu et al. 2017 in einer Studie. Neuere Daten fallen dabei allerdings heterogener, also wechselhafter aus. Aber man kann es ja versuchen, oder?

Wann sollte man Carnitin nehmen?

Das hängt vom Ziel ab. Für allgemeine Supplementierung oder Sport wird Carnitin meist nicht als einmaliger „Pre-Workout-Zauber“ verstanden, sondern eher regelmäßig über mehrere Wochen eingesetzt.

Praktisch häufig verwendet: 1 bis 2 g L-Carnitin pro Tag.

L-Carnitin, Ausdauer, Goetterspeise

Viele Studien arbeiten in diesem Bereich oder etwas darüber. In einer Sport-/Regenerationsstudie wurden zum Beispiel 2 g L-Carnitin pro Tag verwendet (Volek et al. 2002). In einer Studie konnte chronische Einnahme von L-Carnitin zusammen mit Kohlenhydraten den Muskel-Carnitin-Gehalt erhöhen und den Substratstoffwechsel während Belastung verändern (Wall et al. 2011). Ob du es vor dem Training, mit einer Mahlzeit oder verteilt nimmst, ist aber wahrscheinlich weniger entscheidend als die regelmäßige Einnahme.

Wie viel L-Carnitin pro Tag?

Es gibt keine offizielle allgemeine Zufuhrempfehlung für L-Carnitin wie bei Vitaminen oder Mineralstoffen. In der Praxis und in Studien sieht man häufig:

  • 500 mg bis 2 g pro Tag als allgemeiner Bereich
  • 1 bis 2 g pro Tag im Sport-/Regenerationskontext
  • höhere Dosierungen eher in speziellen Studien- oder medizinischen Kontexten

Meine pragmatische Einschätzung: Wenn du Carnitin ausprobieren möchtest, dann nicht direkt nach dem Motto „mehr hilft mehr“.

1 bis 2 g pro Tag sind für viele ein realistischer Bereich.

Ist L-Carnitin sicher?

Generell gilt L-Carnitin in üblichen Dosierungen als gut verträglich. Eine Studie zu L-Carnitin-L-Tartrat bei gesunden Männern fand keine nachteiligen Effekte auf metabolische und hämatologische Sicherheitsmarker (Rubin et al. 2001).

Mögliche Nebenwirkungen können sein:

  • fischiger Geruch
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Übelkeit
  • weicher Stuhl
  • unangenehmer Körper- oder Stuhlgeruch

Dein Kaka riecht eventuell etwas nach Fisch, wenn du Carnitin supplementierst. Nicht wundern. Bei schweren Erkrankungen, Nierenproblemen, Dialyse, Schwangerschaft, Epilepsie oder Medikamenteneinnahme bitte nicht einfach blind supplementieren. Das gilt aber natürlich immer, oder?

Carnitin und TMAO: Ist Carnitin gefährlich?

L-Carnitin kann abhängig von der Darmflora zu Trimethylamin und später zu TMAO umgewandelt werden. Eine bekannte Arbeit aus Nature Medicine brachte L-Carnitin, Darmflora, TMAO und Atherosklerose in Zusammenhang; ein großer Teil der mechanistischen Daten stammt dabei aus Tier- und Mikrobiom-Kontexten (Koeth et al. 2013).

TMAO ist aber komplizierter. Mehr gesunden Fisch essen erhöht TMAO stärker als Fleisch, eine bestehende Insulinresistenz erhöht TMAO ebenfalls und einige Wissenschaftlicher sehen TMAO eher als Bystander und nicht als Verursacher von Gesundheitsproblemen (DiNicolantonio et al. 2013, Serban et al. 2016).

Mehr zum Thema L-Carnitin, TMAO und Herzrisiko liest du hier.

L-Carnitin im Sport: Leistung und Regeneration?

L-Carnitin ist für den Energiestoffwechsel relevant. Im Sportbereich ist die Datenlage nicht so simpel wie früher in der Werbung behauptet wurde. Eine direkte Leistungssteigerung ist nicht immer eindeutig und die Datenlage ist sehr heterogen. L-Carnitin-L-Tartrat wurde zum Beispiel im Zusammenhang mit Markern der Regeneration nach Trainingsstress untersucht (Volek et al. 2002) und einige Daten zeigen eine bessere Kraftausdauer und eben Erholung nach dem Training. Lass uns das Thema genauer besprochen: Mehr zum Thema L-Carnitin im Sport liest du hier.

Was soll ich jetzt tun?

Also einfach mal 1-2 g vor dem Training nehmen? Vermutlich ist es nicht gefährlich und hat eher positive Effekte. Vermutlich. Carnitin gehört auf alle Fälle für mich zu den spannenden Supplementen, über die kaum noch jemand spricht. Nicht weil es ein Wunderstoff ist. Sondern weil es biochemisch zentral und praktisch interessant sein kann bei unterschiedlichen Problematiken. Wenn du Fleisch, Fisch und tierische Produkte isst, gut schläfst, regelmäßig trainierst und dich nährstoffreich ernährst, brauchst du es vielleicht nicht. Wenn du vegan lebst, sehr viel trainierst, älter wirst, in einer Diätphase bist, dich für Energiestoffwechsel interessierst oder mit Regeneration kämpfst, ist es zumindest ein interessanter Kandidat.

Fazit: L-Carnitin ist mehr als ein alter Fatburner

L-Carnitin ist kein magischer Fatburner. Aber es ist auch nicht einfach nur ein vergessenes Supplement aus der Bodybuilding-Schublade von 2003. Carnitin ist wichtig für den Transport langkettiger Fettsäuren in die Mitochondrien und damit für den normalen Fett- und Energiestoffwechsel. Und Energie ist quasi alles? Die Gefäße brauchen ausreichend Energie, das Herz, Nerven und Gehirn und unsere Muskeln. Der Körper kann Carnitin zwar selbst herstellen, braucht dafür aber bestimmte Aminosäuren und Cofaktoren. Carnitin steckt vor allem in tierischen Lebensmitteln, besonders Fleisch. Ob eine Supplementierung sinnvoll ist, hängt vom Kontext und deinen Zielen ab.

Noch mehr zum Thema L-Carnitin liest du in unserem Nährstofflexikon bei Götterspeise!

Häufige Fragen zu L-Carnitin

Für was ist Carnitin gut?

Carnitin ist vor allem für den Transport langkettiger Fettsäuren in die Mitochondrien wichtig. Dadurch spielt es eine zentrale Rolle im Fettstoffwechsel und in der Energiegewinnung.

Ist L-Carnitin ein Fatburner?

L-Carnitin ist kein klassischer Fatburner. Es ist zwar wichtig für die normale Fettverbrennung, aber mehr Carnitin bedeutet nicht automatisch mehr Fettverlust.

Welche Lebensmittel enthalten Carnitin?

Carnitin steckt vor allem in tierischen Lebensmitteln, besonders in Fleisch. Auch Fisch, Meeresfrüchte, Milchprodukte und Käse enthalten Carnitin. Obst und Gemüse liefern nur geringe Mengen.

Kann der Körper Carnitin selbst herstellen?

Ja. Der Körper kann L-Carnitin aus Lysin und Methionin bilden. Dafür werden unter anderem Vitamin C, Eisen und weitere Stoffwechselbausteine benötigt.

Wie merkt man einen Carnitin-Mangel?

Mögliche Hinweise können Müdigkeit, geringe Belastbarkeit, Muskelprobleme oder Konzentrationsprobleme sein. Diese Symptome sind aber unspezifisch und bedeuten nicht automatisch Carnitinmangel. Können aber.

Brauchen Veganer L-Carnitin?

Nicht automatisch. Da Carnitin aber vor allem in tierischen Lebensmitteln vorkommt, kann es bei veganer Ernährung in bestimmten Situationen interessant sein – vor allem bei hoher Belastung oder niedrigem Energielevel. Ich würde es empfehlen. Wenigstens 100-500mg am Tag.

Wann sollte man Carnitin nehmen?

Carnitin wird meist regelmäßig über mehrere Wochen genommen, häufig in Dosierungen von 1-2 g pro Tag. Der genaue Zeitpunkt ist wahrscheinlich weniger wichtig als die regelmäßige Einnahme.

Welche Carnitin-Form ist sinnvoll?

L-Carnitin-L-Tartrat wird häufig im Sport- und Regenerationskontext verwendet. Acetyl-L-Carnitin wird eher im Zusammenhang mit Nervensystem und kognitiven Fragestellungen untersucht.

Ist Carnitin wegen TMAO gefährlich?

Carnitin kann abhängig von der Darmflora zur Bildung von TMAO beitragen. Und bei Herzkreislaufproblematiken und Diabetes findest du oft hohe TMAO-Spiegel. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Carnitin Herzinfarkte verursacht. Das Thema ist komplex und wird im TMAO-Artikel ausführlicher erklärt.

Mehr lesen

Quellen:

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Alle Quellen findest du u.a. bei Pudmed!

7 Kommentare

Chris Eikelmeier Physiotherapeut Psychoneuroimmunologie Athlet krisTUS

jau, habe ich ja im Artikel kurz angerissen bezüglich „mitochondriale Blockbuster“: dazu gehört Carnitin, ALA und Q10! Wenn du Niacin und Creatin dazu gibst, hast du etwas für eine „Energyboost“ Phase. Wird oft bei Mitochondriopathien angewandt!

Gruß,
Chris

Senta

Kann ich ALA, Carnitin, Arginin mit citrullin zusammen nehmen? Ich habe auch erst kürzlich etwas über Selen und seine Bedeutung für die Muskulatur (entspannung, Funktion etc.)gelesen. Was hältst du von einer zusätzlichen supplementation?

Chris Eikelmeier Physiotherapeut Psychoneuroimmunologie Athlet krisTUS

Supplementierung am liebsten nur, wenn ein Mangel diagnostiziert wurde. Grade ALA kann zu Unterzuckerungen führen und das führt dann zu Heißhungerattacken. Carnitin und Citrullin sind ungefährlich und „uneingeschränkt“ zu empfehlen.

Statt Selen so zu nehmen, iss dir Paranüsse oder benutz ein Multimineral. Monosubstanzen in hoher Dosierung würde ich generell nicht empfehlen.

ALA sollte zumindest immer getrennt von Mineralstoffen und Mahlzeiten eingenommen werden, da es Metalle / Minerale binden kann. Circa 1 Stunde vor dem Essen – wenn du es denn versuchen möchtest!

Gruß!

Senta

Hi… Das heißt? L-Carnitin nicht einnehmen wenn man merkt dass ein fischgeruch entsteht? Darmflora und so? Ist mir bei mir aufgefallen und habe es umgehend aus meinem pre-workout Repertoire gestrichen…

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