Carnivore Ernährung: Ist Fleisch gesund oder ungesund?

Chris Eikelmeier

Chris Eikelmeier – Physiotherapeut, kPNI-Therapeut (Univ. Salamanca), Dozent und Athlet. 20 Jahre Praxis, 25 Jahre Leistungssport.

Fleisch und gesundheit Studien zu Fleisch und Carnivorer Ernährung

Du hörst es immer wieder: Fleisch kann nicht gesund sein. Vegan oder vegetarisch ist besser, gesünder und wenn Fleisch, dann bitte nur ganz wenig – zu viel Eisen, zu viel Fett, Cholesterin, Carnitin und TMAO-Spiegel, Purine und noch vieles mehr. Fleisch kann nicht gesund sein und eine Ernährung, welche vorwiegend aus Fleisch besteht, schon gar nicht, oder?

Egal was du hast, solltest du „viel“ Fleisch konsumieren, dann wird dir fast jeder sagen: ZU VIEL FLEISCH IST GIFT!!! UND DU BIST KRANK WEIL DU ZU VIEL FLEISCH ISST! Das geht so weit, dass dir Leute sagen, dass dein Bandscheibenvorfall und der Tennisellbogen von zu viel Fleisch kommt. Einer muss ja der schuldige sein: Und in der Regel ist es Fleisch! Isst du Fleisch bist du ein Mörder, böse und kommst in die Hölle UND WENN NICHT, DANN WIRST DU HALT KRANK DURCH FLEISCH!

Aber ist es so einfach?

Ich möchte dir einmal einige Fleisch-, Keto- und Carnivore-Mythen zeigen und mit dir die aktuelle Datenlage zum Thema Fleisch und Gesundheit, sowie zur Carnivoren Ernährung, anschauen. Du kriegst recht schnell mit, dass es vielleicht doch gar nicht sooo schlecht is(s)t. Also, los geht’s:

Carni-Nutrients oder Meat-Based Compounds sind wichtig

Eins vorneweg: Du musst zwar nicht nur Fleisch essen, aber du solltest auch nicht nur Pflanzen essen.

Wieso? Naja, weil: Zink, EPA/DHA („tierische Omega-3-Fettsäuren“), Methionin, Lysin, Carnosin, Kreatin, B12, Eisen, Cholin, Vitamin D3, Jod, Vitamin A als Retinol, Calcium, Taurin und Carnitin sind Substanzen, die in einer streng vegetarischen beziehungsweise veganen Kost oft unzureichend vorkommen und die in den Zellen des rein von Pflanzen lebenden Menschen oft in geringerer Konzentration vorliegen (Rogerson 2017, Elorinne et al. 2016, Sebastiani et al. 2019, Baroni et al. 2019, Pistollato et al. 2015, Ströhle und Waldmann et al. 2006, Key et al. 2006 u. v. m.). B12 wird z. B. dann und wann mal im Dickdarm produziert, ja, aber im Dünndarm wird’s aufgenommen – erkenne den Fehler? Guten Appetit.

Und es geht ja nicht nur um B12, sondern auch um die oben genannten Carni-Nutrients* oder Meat-Based Compounds. Für sich rein vegan ernährende Menschen findest du hier eine gute Ergänzung, welche diese Carni-Nutrients enthält.

*streng genommen sind primär Cholin, Taurin, Carnitin, Kreatin und Carnosin die bioaktiven Meat-based Compounds. Wobei man auch Retinol, Glycin (und Kollagen), wie auch Vitamin B12 dazuzählen könnte, da sie kaum bis gar nicht in pflanzlichen Lebensmitteln vorkommen.

Veganer haben in der Regel deutlich niedrigere Eisen- und B12-Level, das ist bekannt. Aber auch ein negativer Effekt auf die Wundheilung und Narbenbildung im Vergleich zu einer Mischkost, die auch tierische Produkte enthält, wird manchmal beschrieben (Fusano et al. 2020).

Und auch Vitamin A als Retinol, statt Beta-Carotin könnte wichtiger sein als wir denken, denn Beta-Carotin wird nicht besonders effizient in Retinol umgewandelt (Scott et al. 2000). Das kann ein Grund dafür sein, dass Menschen funktionell zu wenig Vitamin A (als Retinol = die tierische Form von Vitamin A) haben, obwohl sie ja eigentlich ausreichend Retinol-Äquivalenten in Form von z. B. Beta-Carotin zuführen. Und auch Glycin kommt zu größeren Teilen in tierischen Lebensmitteln vor. Meléndez-Hevia zeigte in einem Modellversuch, dass wir etwa 12g Glycin pro Tag für die Kollagensynthese benötigen und wir mit der Nahrung in der Regel nicht viel mehr als 2-4g aufnehmen und unser Körper nur 2-4g pro Tag produziert. Theoretisch hätten wir einen Glycinmangel von etwa 4-6g, wenn wir nicht sehr glycinreiche Lebensmittel wie z. B. kollagenhaltiges Suppenfleisch oder ähnliches verzehren. UND DAS IST NUR EIN AUSZUG! Ob die Eigensyntheserate von Kreatin, Carnitin, Carnosin usw. wirklich ausreichend ist, wissen wir nicht. Zumindest bei Säuglingen, Schwangerschaften und älteren Menschen, sowie im Sport, gibt es schon einige Ausreißer was die Bedarfsdeckung der MeBiCos angeht.

Also: Du musst zwar nicht Fleisch essen und auch nicht kiloweise jeden Tag – aber kleinere Mengen in den Tag zu integrieren, ist mit Sicherheit kein Fehler. Wo ist das Problem, wenn der „Veganer“ 200 g Suppenfleisch und 100 g Leber aus „artgerechter Haltung und Fütterung“ zu seiner Ernährung hinzufügt? Nirgendwo. Da gibt’s kein Problem, das hat ausschließlich Vorteile. Naja schon, das Ethikthema, aber die derzeitige Datenlage ist so schlecht, dass wir nicht mit Sicherheit GARANTIEREN können, dass ein Verzicht von tierischen Lebensmitteln generationsübergreifend keinerlei negative Konsequenzen hat. Ich finde es daher ethisch nicht vertretbar einem Menschen eine 100% vegane Ernährung zu empfehlen, ohne, dass ich dir garantieren kann, dass es gesundheitlich unbedenklich ist, heute, in 5 in 10 und in 20 Jahren. Denn:

Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht!

Tierwohl, Umwelt und Fleischqualität

Aber ja, Tierwohl und Umwelt – supporte doch Landwirte und „Produzenten“, die es richtig machen.

Fleisch aus Grasfütterung mit viel Auslauf an der frischen Luft ist sehr wahrscheinlich besser für unsere Nutztiere, hat einen leicht höheren Gehalt an Omega-3-Fettsäuren, CLA, Stearinsäure („neutral“) und weniger Palmitin- und Myristinsäure und ist somit cholesterinfreundlicher. Es enthält mehr Vitamin A und Beta-Carotin, Vitamin E, Glutathion und oft etwas weniger Fettkalorien und einen stärkeren „Grasgeschmack“ (Daley et al. 2010). Ob diese leicht höheren Nährstoffmengen praktisch relevant sind, spielt erstmal keine Rolle, aber dem Tier geht es auf jeden Fall besser!

Ethik, ja, wie gesagt Ethik ist ein Thema, soll aber nicht Teil dieses Artikels sein und ist auch gar nicht so trivial: Was ist wichtiger, deine Gesundheit oder die von jemand anderem? Wenn du entscheiden müsstest? Und wie gesagt nein, es gibt keine definitive Antwort auf die Frage ob wir tierische Lebensmittel benötigen für optimale Gesundheit, Performance und Langlebigkeit.

Und wenn du dir Sorgen machst, dass du durch Fleisch früher stirbst?

Eine erhöhte Sterblichkeit oder Darmkrebs durch Fleisch wurde widerlegt beziehungsweise zumindest nicht so eindeutig bestätigt, wie es oft behauptet wird (Mejborn et al. 2020). Und vegane Ernährungsweisen wirken sich auch nicht automatisch schützend auf das Herz-Kreislauf-System aus (Rees et al. 2021).

„Widerlegt“ – sofern das bei dieser Datenlage überhaupt möglich ist.

Wichtig ist: Naturbelassenes und unverarbeitetes Fleisch aus artgerechter Fütterung ist ein etwas anderes Nahrungsmittel als verarbeitete Wurstwaren, welche aus konventioneller Tierhaltung mit Getreidefütterung stammen.

Nicht nur die Dosis ist wichtig, sondern auch die Fütterung der Tiere könnte einen Unterschied machen – wobei wir dazu nicht allzu viele Daten haben, die das mal am Menschen vergleichen. Und zudem zählt auch noch der gesamte Kontext deiner Ernährung und deines Lebensstils: Das, was am schlimmsten ist, sind ein Nährstoffmangel und dazu ein Kalorienüberschuss und körperliche Inaktivität – nicht Fleisch oder Pflanze.

Beide Lebensmittelarten können sich hervorragend ergänzen. Nur mal so. Schau dir das Bild an:

artgerechte Ernährung Chris Eikelmeier

Carnivore Ernährung SIBO Fleischfresser Diät ketogene Ernährung Chris Eikelmeier Reizdarm

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Ganz wichtig: Fleisch ist NICHT ungesund

Und Fleisch ist auch nicht schlecht oder ungesund – wird zwar gerne erzählt, aber die methodologische Qualität für diese „harten Aussagen“ ist nicht nur sehr gering, es gibt dazu in den bisherigen „Studien“ zu diesem komplexen Lebensmittel auch extrem viele mögliche Störfaktoren, keine Langzeitstudien, keine guten Vergleichsstudien, generell keine dramatischen Effekte in die eine oder andere Richtung. Bei diesem schlechten Evidenzgrad kann generell keine Empfehlung für den Fleischkonsum in die eine oder andere Richtung abgeleitet werden (Kityo et al. 2023, Johnston et al. 2019, Lee et al. 2013).

Doch Obacht: Die Carnivore Diet ist nicht das Gleiche wie eine fleischreiche Ernährungsweise.

Denn ausschließlich Fleisch zu essen ist ja nicht das Gleiche wie z. B. 30, 40, 50 oder 70 % der Kalorien in Form von tierischen Lebensmitteln – nicht nur Fleisch – zu essen und den Rest aus Beeren, Nüssen, Salaten, Gemüse, Obst und so weiter zu decken.

Carnivore Ernährung hilft bei Darmproblemen!?

Zwei weniger gute Untersuchungen – aber hey, es muss irgendwo starten – zeigten gesundheitlich positive Effekte durch eine carnivore Ernährung. In einer Case-Control-Study an 10 Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn zeigte Norwitz et al., dass diese Patienten, die jahrelange Darmprobleme hatten und unter diesen immunologischen Krankheiten litten, durch die Carnivore Diät in Remission traten – also symptomfrei wurden – und teils die Medikamente absetzen konnten. Und es handelt sich hierbei um CHRONISCH entzündliche Darmerkrankungen. Jetzt stell dir vor du hast ein Leiden, du scheißt Blut, dein Immunsystem zerstört deinen Körper und dann kommt ein Wissenschaftler wie Nick Norwitz, der selbst an einer solchen Krankheit leidet und erzählt dir, dass eine Carnivore Ernährung helfen kann und er in ersten Untersuchungen zeigen konnte, dass es kein Einzelfall ist (neben den sowieso unendlichen Anekdoten auf Reddit und Co). Was machst du dann mit der Ethik und dem Fleisch essen? Wir sind wissenschaftlich noch NICHT so weit um GENAU sagen zu können was hier vor sich geht, aber es geht etwas vor sich und ich tu mich schwer damit zu sagen: Wie brauchen kein Fleisch, jeder kann vegan leben.

Lennerz et al. beschreibt in einer (nicht so guten) Studie aus dem Jahr 2021 den selbstberichteten Gesundheitszustand von 2.029 Erwachsenen, die eine „Fleischfresser-Diät“ einhielten: Der Großteil zeigte „selbstberichtet“ eine hohe Zufriedenheit und zudem positive Effekte auf die Stoffwechselgesundheit – nur die LDL-Cholesterinspiegel waren leicht erhöht. Ob das in diesem „Stoffwechsel-Setting“ relevant ist, wissen wir auch nicht.

Beide Studien haben ein großes Bias-Risiko, sind recht klein beziehungsweise ohne Kontrollgruppe durchgeführt.

Erste Hinweise liefern sie dennoch. Sie sind super interessant und das Thema ist mega spannend. Wenn jemand, der jahrelang Darmprobleme hat, durch eine Carnivore Ernährung plötzlich „gesund“ wird – ja, ehm, ist das nichts?

Das finde ich generell eine sehr interessante Frage: Wenn du krank bist und „schon alles versucht hast“ und dich eine bestimmte Ernährungsweise „symptomfrei“ macht und die Lebensqualität erhöht – und es gibt vor allem bei Allergien, Autoimmunproblemen und Darmproblemen sehr viele Anekdoten und mit der Norwitz-Studie auch erste Evidenz dazu, neben allen möglichen Mechanismen – ist diese Ernährung dann „ungesund“, weil sie wenig pflanzliche Nahrung, aber viel tierische Nahrung inkludiert?

Ich lasse das einmal so stehen.

Es ist ja kein Problem, das einfach mal 2 Wochen oder 8 Wochen auszuprobieren und zu schauen, wie es dir geht.

Hier gibt es mehr zum Thema Fleisch in Bezug auf SIBO, also Dünndarmfehlbesiedlung, und Darmgesundheit.

Aber Fleisch erhöht doch den TMAO-Spiegel und die machen doch Herzinfarkte?

Fisch erhöht den TMAO-Spiegel gut 30-mal mehr als Fleisch, obschon Fisch die Herz-Kreislauf-Gesundheit verbessert. Es wird auch eher davon ausgegangen, dass TMAO, also Trimethylamin-Oxid, ein Marker für Erkrankung ist und nicht, dass es sich hierbei zwingend um einen Mediator für Erkrankungen handelt (Rohrmann et al. 2016, Velasquez et al. 2016, DiNicolantonio et al. 2019, Zhang et al. 1999, Cho et al. 2017). TMAO ist nämlich vor allem erhöht, wenn die Nierenfunktion nicht so 100 % tutti ist oder eine Insulinresistenz vorliegt. Insulin hemmt beispielsweise das Enzym FMO3 und somit die TMAO-Synthese – bei einer Insulinresistenz fällt diese Hemmung dann leider weg (DiNicolantonio et al. 2019).

Also: TMAO korreliert eher mit Entzündungen, Insulinresistenz und mit FISCHVERZEHR, statt simpel mit Fleisch und Krankheit.

Ja, auch wenn die Carnitinaufnahme den TMAO-Spiegel erhöhen kann, bedeutet das nicht, dass es die gleiche Bedeutung hat wie eine TMAO-Erhöhung durch Insulinresistenz, niedriggradige Entzündungen und Atherosklerose (Velasquez et al. 2016, Wang et al. 2019, Rohrmann et al. 2016). Und wenn du trotzdem noch Angst vor dem TMAO hast: Fasten reduziert die TMAO-Spiegel (Washburn et al. 2019), also einfach mal eine Mahlzeit ausfallen lassen.

So einfach kann es sein …

Mehr zu Fleisch beziehungsweise L-Carnitin und TMAO liest du hier in diesem Artikel von mir.

Und zu viel Eisen im Körper ist doch auch nicht gut!

Ja, das ist vollkommen richtig. Zu viel Eisen im Körper beziehungsweise in der Zelle macht nicht nur Insulinresistenz und metabolisch inflexibel, es erhöht auch den oxidativen Stress und korreliert mit allerhand „nicht übertragbaren Krankheiten“. Aber bedeutet denn „viel Eisen in der Nahrung direkt auch viel Eisen in der Zelle“?

Nein.

Denn die Eisenaufnahme ist auch wieder kein rein passiver Prozess und wird z. B. über das in der Leber produzierte Protein Hepcidin reguliert (Miranda et al. 2018). Ist viel Eisen im Körper, wird weniger reingelassen und wieder mehr ausgeschieden beziehungsweise reguliert. Außerdem sind die negativen Konsequenzen einer Eisenaufnahme vielleicht auch erst dann relevant, wenn wir über extrem hohe Dosierungen von 500 mg pro Tag und mehr sprechen (Liu et al. 2016).

Selbst wenn du jeden Tag 1 kg Rinderfleisch essen würdest, würdest du nicht mehr als etwa 30 mg Eisen pro Tag zuführen und davon, trotz sehr guter Bioverfügbarkeit, nur etwa 10 mg aufnehmen – je nach Eisengehalt der Zelle sogar auch weniger. Der Eisenbedarf pro Tag liegt ja ungefähr bei 10-15 mg pro Tag.

Tägliche Eisenaufnahme im Darm pro Tag Mensch

Naja, und dann hemmen noch Calcium, eventuell Casein, also Milchprodukte, ebenso wie Eier oder Grüntee und andere Kräuter, vielleicht auch die Phytate in Nüssen, die Eisenaufnahme. Es ist also echt schwer, „zu viel Eisen“ aufzunehmen, selbst wenn du mit 1 kg Rindfleisch pro Tag übertreiben möchtest. Aber zu wenig Eisen, das schaffen wirklich viele Menschen. Und die klagen dann über Müdigkeit, schlechte Leistung und Konzentration, Haarausfall und Energielosigkeit.

Viele Frauen haben ein Problem mit zu geringen Ferritin- und Eisenspiegeln, vor allem normal menstruierende Frauen.

Mehr zum Thema Eisen, Eisenmangel und Eisen-Biochemie liest du in diesem Artikel.

Aber ohne Kohlenhydrate funktioniert die Schilddrüse ja nicht, oder?

„Die Schilddrüse braucht Kohlenhydrate, sonst funktioniert die nicht richtig.“

Ehm, nein … In einer einjährigen Keto-Studie zur Behandlung von Epilepsie – und eine Epilepsie-Keto-Ernährung ist deutlich härter als „unsere Keto“ mit 50 bis 100 g Kohlenhydraten – hatten am Ende knapp 16,7 % eine Schilddrüsenunterfunktion, die anderen 83 % nicht. Ich hoffe, du hast das hier gerade gelesen, was ja oft in dem Zusammenhang vergessen wird zu erwähnen (Kose et al. 2017). Eingangs höhere TSH-Spiegel und weibliches Geschlecht waren „Vorboten“.

Wie viel Selen? Wie viel Jod? Wie viel Omega 3, D3 und Vitamin A? All das wurde natürlich nicht gemessen, hat aber genauso wie Defizite an verschiedenen Aminosäuren oder eine größere Menge Sojaisoflavone oder goitrogene Faktoren einen negativen Effekt auf die Schilddrüsenfunktion beziehungsweise die Menge an Schilddrüsenhormonen – ganz unabhängig des Kohlenhydratgehaltes (Pałkowska-Goździk et al. 2017). Niedriggradige Entzündungen reduzieren beispielsweise auch, ebenfalls unabhängig von der Kohlenhydrataufnahme, die T3-Spiegel (Mancini et al. 2016).

Was auch nicht selten beobachtet wird?

Der appetithemmende Effekt von ketogenen Ernährungsweisen führt in der Regel zu einem Verlust von Körperfett – das geht ausschließlich durch eine Kalorienreduktion. Und ja, auch unterkalorische Ernährungsweisen reduzieren die Menge an Schilddrüsenhormonen, weißt du (Iacovides et al. 2018)?

Und nicht alle Keto-Untersuchungen zeigen einen negativen Effekt auf die TSH- oder fT4-Spiegel (Lee et al. 2017).

Habe ich oder viele meiner Klienten, die mit Low Carb und ketogenen Ernährungsweisen arbeiten, Schilddrüsenprobleme?

Nein. Und die Datenlage diesbezüglich ist auch ziemlich dünn. Also ja, kann man dran denken, wenn etwas nicht funktioniert. Ist aber nicht die erste Stelle und nicht die wichtigste.

Sind halt nur Kohlenhydrate, mehr nicht. Und sie sind nicht, waren nie und werden nie essentiell sein.

ABER NEU5GC IST DOCH …

Ja, ist schon an anderer Stelle erklärt worden. Hier: Rotes Fleisch muss einfach schädlich sein – dort geht es um Fleisch und Neu5Gc. Und zum „ABER Harnsäure …“ liest du hier einen guten Artikel von mir zum Thema Fleisch und Gicht!

Carnivore Ernährung und Gesundheit?

Carnivore Diäten zeigen in der Praxis oft extrem gute Wirkungen bei Darmbeschwerden wie Reizdarm, aber auch Allergien wie Heuschnupfen und Hausstaub, genauso bei Neurodermitis, Schuppenflechte, Migräne, Epilepsie und vielen weiteren gesundheitlichen Beschwerden. Wenn du Angst davor hast, dass irgendwas „Schlimmeres passieren könnte“, z. B., dass deine Schilddrüsenhormone abkacken könnten, dann misst du eben einfach öfter mal.

Alle 8 Wochen lässt du ein großes Blutbild bestimmen und testest das mal für 24 Wochen. Fertige zuvor eine Symptomliste an und zieh das konsequent durch. Irreversible Probleme wirst du nicht entwickeln. Wenn irgendwas nicht so läuft, wie du dir das vorstellst, dann hörst du halt auf.

Die Chance ist aber hoch, dass du eher Positives als Negatives bemerkst – und das, obwohl du „viel böses Fleisch“ konsumierst. Denn Fleisch ist sehr nährstoffreich, eher gesundheitsförderlich als gesundheitsschädlich und eine solche Ernährungsweise ist ziemlich einfach umzusetzen. Wichtig zu verstehen:

Es geht mir nicht speziell um eine carnivore oder ketogene Ernährung, sondern darum, dass du mehr Nährstoffe und weniger Antinährstoffe aufnimmst. Die ganzen Anekdoten zur carnivoren Ernärhung kommen nicht von ungefähr und ich sehe das auch in der Praxis bei meinen Gesundheits- und Ernährungsberatungen, das ist keine blanke Theorie mehr. Auch wenn wir noch nicht wirklich gute Daten haben, es fängt langsam an mit kleinen Case-Controll Studies.

Und es geht mir darum zu zeigen, dass Fleisch und Keto nicht zwangsläufig etwas Schlechtes oder gar Ungesundes sind, sondern wirklich nährstoffreich sein und eine gesundheitsbewusste Ernährung unterstützen können. Das Problem an der Ernährungswissenschaft ist, dass wir einfach noch gar nicht alles wissen und es sehr viele Störfaktoren gibt und viel zu wenige Langzeituntersuchungen mit richtig gutem Design.

Was definitiv sicher ist:

Zu sagen, dass eine Ernährungsweise AUF JEDEN FALL gesünder ist, ist falsch.

Zu sagen, dass eine Ernährungsweise AUF JEDEN FALL ungesünder ist, ist ebenso falsch.

Es gibt viel zu viele harte Meinungen und Empfehlungen auf einer wirklich sehr schlechten Datenlage.

Apropos Keto, also ketogene Ernährung: Was ist der Unterschied zu Carnivore?

Carnivore, Paleo und Keto überschneiden sich zwar, sind aber nicht dasselbe.

Eine Carnivore Ernährung definiert sich vor allem über die Lebensmittelauswahl: gegessen werden hauptsächlich oder ausschließlich tierische Lebensmittel – also Fleisch, Fisch, Eier, Innereien, tierische Fette und je nach Auslegung auch Milchprodukte. Pflanzen existieren hier nicht auf dem Speiseplan.

Eine ketogene Ernährung definiert sich dagegen nicht über Fleisch, sondern über den Stoffwechselzustand. Ziel ist es, Kohlenhydrate so weit zu reduzieren, dass der Körper vermehrt Ketonkörper bildet. Das kann mit Fleisch, Fisch und Eiern passieren – aber theoretisch auch vegetarisch oder mit vielen pflanzlichen Fetten, Himbeeren, Feldsalat, Saaten, Nüssen, Oliven, Avocados, Kokos, Zwiebeln, Möhren und vielen weiteren pflanzlichen Lebensmitteln. Keto heißt also nicht automatisch Carnivore. Aber Carnivore ist hingegen i.d.R. eine ketogene Ernährung!

Eine Paleo Ernährung orientiert sich eher an unverarbeiteten Lebensmitteln, die grob in ein „evolutionäres“ Ernährungsmuster passen sollen: Fleisch, Fisch, Eier, Gemüse, Obst, Beeren, Nüsse, Wurzeln und hochwertige Fette. Getreide, Hülsenfrüchte, Zucker, stark verarbeitete Lebensmittel und moderne Industrienahrung werden meistens gemieden. Paleo kann kohlenhydratarm sein, muss es aber nicht.

Oder ganz kurz:

Carnivore fragt: Ist es tierisch?
Keto fragt: Bleibe ich in Ketose?
Paleo fragt: Ist es natürlich, unverarbeitet und evolutionär halbwegs plausibel und ohne Anti-Nutriente?

Fleisch ist NICHT Gift – und Carnivore kann funktionieren (oder auch nicht)

Fleisch ist nicht automatisch ungesund. Eine carnivore Ernährung ist nicht automatisch gesund. Und eine vegane Ernährung ist nicht automatisch besser, nur weil sie pflanzlich ist und ethisch korrekter erscheint. Der entscheidende Punkt ist der Kontext: Lebensmittelqualität, Verarbeitung, Nährstoffversorgung, Kalorienbilanz, Bewegung, Stoffwechselgesundheit, Laborwerte und individuelle Verträglichkeit und ob du eine gesundheitliche Problematik hast wo pflanzliche Lebensmittel Probleme machen und tierische Lebensmittel helfen könnten.

Carnivore kann für manche Menschen ein interessanter Versuch sein – besonders dann, wenn Verdauung, Unverträglichkeiten und immunologische Probleme oder bestimmte darauf zurückzuführende Beschwerden eine Rolle spielen. Aber daraus entsteht keine Pflicht für alle.

Häufige Fragen zur Carnivoren Ernährung?

Ist Carnivore Ernährung gesund?

Carnivore Ernährung ist nicht automatisch gesund oder ungesund. Sie kann für manche Menschen interessant sein, vor allem wenn Unverträglichkeiten, Darmprobleme oder starke Beschwerden bestehen. Die Datenlage ist aber viel zu begrenzt für eine definitive Antwort!

Ist Fleisch ungesund?

Fleisch ist nicht pauschal ungesund. Entscheidend sind Verarbeitung, Qualität, Menge, Zubereitung, Fütterung der Tiere und der gesamte Lebensstil. Auch hier gibt es in vielen Studien viel zu viele Störfaktoren und die Aussicht auf wirklich gute Interventionsstudien über einen langen Zeitraum, wo alle möglichen Störfaktoren berücksichtigt werden, ist eher begrenzt bis nicht möglich. Es gibt keine gute (!) Studie die zeigt, dass Fleisch krank macht oder ungesund ist. Es ist sehr nährstoffreich, das wissen wir.

Was sind Carni-Nutrients?

Carni-Nutrients oder Meat-Based Compounds sind Nährstoffe und bioaktive Verbindungen, die vor allem in tierischen Lebensmitteln vorkommen, zum Beispiel Kreatin, Carnitin, Taurin, Carnosin, B12, Eisen, Zink, Retinol, EPA und DHA. Hier findest du z. B. ein gutes Nahrungsergänzungsmittel, welches die wichtigsten MeBiCos enthält.

Ist eine carnivore Ernährung eine ketogene Ernährung?

Da eine carnivore Ernährung vollständig auf pflanzliche Lebensmittel verzichtet und du keinerlei Kohlenhydrate aufnimmst, außer die Spuren ein Eiern und Leber, wenn man das mitzählen möchte, kommst du mit einer carnivoren Ernährung in den meisten Fällen in Ketose. Es ist also eine ketogene Ernährung. Andersherum ist eine ketogene Ernährung aber nicht auch eine carnivore Ernährung!

Hilft Carnivore bei Darmproblemen?

Es gibt erste kleine Daten und viele Erfahrungsberichte, dass eine carnivore oder carnivor-ketogene Ernährung bei manchen Menschen mit Darmproblemen hilfreich sein könnte. Das ist aber natürlich kein Heilversprechen, aber erste Daten deuten es an, dass es bei Reizdarm, SIBO und chronisch entzündliche Darmerkrankungen sinnvoll sein kann.

Ist eine vegane Ernährung für Menschen geeignet?

Nein. MINDESTENS gehört dann eine ganze Palette an Nahrungsergänzungsmitteln auf den Speiseplan. Ob das ausreichend ist, kann dir niemand garantieren.

Macht Fleisch Herzinfarkte wegen TMAO?

Nicht so einfach. TMAO kann durch Carnitin und Darmbakterien entstehen, aber auch Fisch kann TMAO stark erhöhen. TMAO ist eher ein komplexer Marker im Kontext von Darmflora, Nierenfunktion, Insulinresistenz und Entzündung. Einige Autoren sehen in ihm einen Bystander, nicht Verursacher. Hier liest du mehr zum Thema TMAO, Carnitin und Herzgesundheit.

Braucht die Schilddrüse Kohlenhydrate?

Die Schilddrüse braucht nicht einfach „Kohlenhydrate“, damit sie funktioniert. Relevant sind unter anderem Energieverfügbarkeit, Protein, Jod, Selen, Vitamin A als Retinol, Zink und Eisen und einen nicht zu geringen Körperfettanteil, welche die Schilddrüse unterstützen. Daten zum Thema Kohlenhydrate für die Schilddrüse sind sehr begrenzt und nicht sehr gut.

Mehr lesen

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