Boring But Beauty – Krafttraining für Frauen?

Chris EikelmeierChris EikelmeierTherapeut · Coach · Athlet
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Inhaltsverzeichnis

  1. Die Evolution und die Trainingsplanung?
  2. Männer vs. Frauen: Leistung, Struktur, Hormone?
  3. Wieso Frauen ein höheres Verletzungsrisiko haben?
  4. Ernährung & Stoffwechsel: Männer mögen Steak, Frauen Kuchen?
  5. RED-S: Relative Energy Deficiency in Sport
  6. Triggerwarnung: Männer sind keine Frauen – auch wenn sie eine Perücke tragen!
  7. Frau müsste man sein…
  8. Dürfen Frauen Fasten?
  9. Apropos Frühstück? Dürfen Frauen das Frühstück ausfallen?
  10. Mehr Fett mehr Krebs?
  11. Frauen sind leider 3-7-Mal häufiger von Essstörungen betroffen im Vergleich zu Männern. Vor allem Binge-Eating und/oder Magersucht (RED-S?) sind hier sehr häufige Diagnosen.
  12. Individualisierung des Trainings aufgrund geschlechtsspezifische physiologischer Unterschiede
  13. Zuerst: Nutze deine Stärken!
  14. Zyklus-basiertes Krafttraining für Frauen?
  15. Hyperandrogenismus der Frau!
  16. Krafttraining für Frauen: Darauf solltest du achten!
  17. Zuerst: Reduziere deine Schwächen!
  18. Übrigens Hip Dips...
  19. Alle schieben Optik?
  20. Die Lieblings-Übung der Frau gar nicht so gut…
  21. Boring But Beauty Trainings-Beispiel?
  22. Wochenübersicht...
  23. Boring But Beauty Calisthenics-Edition?
  24. Quellen:

 Sind alle Menschen gleich? Jein.

Frauen sind beispielsweise keine Männer und Männer keine Frauen – beide haben eine teils deutlich unterschiedliche Physiologie, welche zu unterschiedlichen Reaktionen auf Lebensstilfaktoren und Sport führt. Daher möchte ich mit dieser Lektüre einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass du als Frau „mehr vom Sport“ bekommst – dass du das maximale herausholen kannst, dass du deine Stärken kennst und dann gezielt ausnutzt und mit dem Wissen aus diesem Fachartikel deine Ernährung und dein (Kraft) Training für deine physiologischen Bedürfnisse optimieren kannst.

Legen wir los?

Die Evolution und die Trainingsplanung?

Ohne die Evolution macht die Biologie keinen Sinn – und ohne die Biologie kannst du keine guten Trainingspläne schreiben…

Historisch wurden Frauen vom Krafttraining abgehalten – kulturelle Normen und Stereotype legten fest, was „weiblich“ zu sein hatte und was nicht und das ist teilweise ja immer noch so. Hanteln heben und stark sein gehörten wie du weißt nie zu den typisch weiblichen Klischees. Schweres Training und harte Arbeit ist nur etwas für „das starke“ Geschlecht, Frau hat „in der Küche zu stehen und zu kochen und Kinder zu kriegen“.

Wirkungen-Krafttraining-für-Frauen

Heute ist allerdings ziemlich gut belegt, dass ein Krafttraining für Frauen erhebliche Gesundheits- und Leistungsvorteile bringt – warum sollte das auch anders sein? Männer und Frauen sind zwar teils etwas unterschiedlich – bei einigen Nuancen – aber generell funktioniert unsere Physiologie doch ziemlich ähnlich! Trotzdem reicht Copy-Paste aus Männerplänen nicht aus für eine gute Kraft-Trainingsplanung für Frauen. Männer und Frauen können zwar nach denselben Grundprinzipien trainieren, doch eine kluge Individualisierung unter Berücksichtigung dieser Nuancen ist wichtig, damit man das maximale aus jeder Trainingseinheit herausholen kann – und zwar mit und nicht gegen seinen Körper.

Diese Unterschiede sind vermutlich das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution. Frauen waren dabei körperlich nie inaktiv – Bewegung ist natürlich Teil von Männern und Frauen – sie waren aber anders aktiv als Männer. In Jäger-Sammler-Gesellschaften gingen Frauen vermutlich stundenlang sammeln, trugen Nahrung, Wasser und Holz, halfen beim Transport von erlegtem Wild, verrichteten Bauarbeiten, gruben, kletterten, hockten – und trugen ihre Kinder über lange Distanzen, teils bis ins vierte Lebensjahr und aufsummiert über Tausende von Kilometern (Hurtado et al. 1985). Das sind ausdauernde und ziemlich anstrengende Aufgaben, schwere körperliche Arbeit und nicht bloß kochen und stricken – Männer schaffen das nicht in gleichem Maße.

Und genau diese Ausdauerprägung sieht man bis heute: ein glykogen- und proteinschonender Stoffwechsel, hohe Ermüdungsresistenz und Vorteile bei langen Belastungen. Darauf gehen wir im weiteren Verlauf noch näher ein.

Dazu kommt die Datenlücke: In Studien sind Frauen deutlich seltener vertreten als Männer. Vieles, was als „allgemein“ gilt, basiert also auf männlichen Probanden und lässt sich nicht 1:1 auf das weibliche Geschlecht übertragen. Im Studio ist das Bild ähnlich: Frauen sind unterrepräsentiert und wenn sie da sind, dann verbringen immer noch viele ihre Zeit auf dem Laufband oder mit sehr leichten Gewichten, und wer schwer trainiert, bekommt zu oft ein Stigma verpasst – „SheHulk“, „Freak“, „männlich“. Nicht selten hört man aber auch den Satz: „Ich will aber nicht zu viele Muskeln aufbauen und aussehen wie ein Mann“ – versprochen: „Zu viele Muskeln aufbauen“, habe ich als Mann auch in 25 Jahren Kraftsport nicht geschafft. Im Naturalsport, egal ob bei Frau oder Mann, wird es niemand schaffen „zu viele Muskeln“ aufzubauen – in der Regel entsteht einfach ein fitter, robuster, gesunder und athletischer Körper. Zudem kommt dann das Problem, dass Frauen die ernsthaft trainieren wollen, leider angehalten werden, genau wie Männer zu trainieren, statt ihre eigenen physiologischen Stärken zu nutzen. Dabei haben Frauen sogar, wenn sie trainieren wie es ihrer Physiologie entspricht, fast das gleiche relative Potenzial für Muskelaufbau und wer das ausschöpfen will, nutzt am besten die evolutionär geprägten Stärken und plant Training und Ernährung entsprechend.

Dabei bedeutet das „relative Potenzial“ nicht, dass Frauen die gleiche absolute Menge an Muskeln aufbauen – während ein „normalgroßer“ erwachsener Mann zwischen 70-80kg wiegt, wiegt eine Frau oft zwischen 50-60kg; natürlich alles in Abhängigkeit von Körpergröße et cetera.

Aber ich möchte mich an dieser Stelle auch schon einmal entschuldigen bei all denjenigen, die sich weder als Mann noch als Frau definieren, denn vor dem heutigen Hintergrund der „1000 Geschlechter“ die es derzeit zu geben scheint, gibt es rein biologisch und physiologisch tatsächlich nur 2 Geschlechter und über diese geht es in diesem Artikel.

Männer vs. Frauen: Leistung, Struktur, Hormone?

Sex, also das biologische Geschlecht umfasst Chromosomen, Geschlechtsorgane und endogene Sexualhormone. Gender beschreibt dagegen sozial konstruierte und gelebte Rollen im historischen und kulturellen Kontext. Für sportliche Leistung und geschlechtsspezifische Wettkämpfe ist primär das biologische Geschlecht relevant (Colineaux et al. 2023, Hunter et al. 2023, Becker et al. 2025) – da gabs in der Vergangenheit ja schon einiges an Schlagzeilen: Ein „biologischer Mann“ definiert sich als Frau und schlägt dann öffentlich Frauen im Ring zusammen und gewinnt Olympia-Gold. Eigentlich unfassbar, dass so etwas erlaubt ist? Das ist Körperverletzung und ergibt zumindest biologisch (und ethisch?) keinen Sinn.

Denn es gibt da doch schon gravierende Leistungsunterschiede:

Männer übertreffen Frauen in Disziplinen, die Muskelkraft, Power, Geschwindigkeit und aerobe Ausdauer verlangen. Je nach Sportart liegt der Unterschied grob bei 10–30 %; am größten in kraftorientierten Disziplinen (z. B. Gewichtheben, Sprung und Sprint), am kleinsten in techniklastigen Sportarten (z. B. Bogenschießen, Schießen).

Im Schwimmen sind die Unterschiede am größten auf kurzen Strecken (Sprint = Kraft) und am kleinsten auf langen Distanzen (= Ausdauer) (Colineaux et al. 2023, Hunter et al. 2023, Becker et al. 2025). Menschen sind insgesamt nicht sehr explosiv – Frauen im Mittel noch etwas weniger als Männer und das hat physiologische Gründe. Dafür punkten Frauen bei langen Distanzen und vielen Wiederholungen; nicht nur subjektiv, sondern auch innerhalb der Datenlage wird das gezeigt. Frauen sind auf viele Wiederholungen DEUTLICH „robuster und resistenter“ – da sind Frauen definitiv das „stärkere Geschlecht“!

Mit der Pubertät steigen Testosteronspiegel bei Jungen um das 20- bis 30-Fache; im Erwachsenenalter liegen sie >15-fach über denen von Frauen. Testosteron wirkt dabei potent anabol und führt dosisabhängig zu mehr Skelettmuskelmasse (insbesondere bei schnell zuckenden Typ-II-Fasern), weniger Körperfett, höhere Hämoglobinmasse, größeres Herzschlagvolumen, größere Atemwege (Lungen), längere Gliedmaßen – alles Faktoren, die Kraft, Power und Ausdauerleistung deutlich verbessern.

Unterschied-zwischen-Männern-und-Frauen-im-Sport_

Vor der Pubertät sind die Unterschiede klein(er): Mit dem Testosteron-Anstieg in der Pubertät divergieren Lauf-, Sprung-, Schwimm- und Griffkraftkurven deutlich (Colineaux et al. 2023, Hunter et al. 2023, Becker et al. 2025). Dabei gibt es aber auch während der Schwangerschaft und bis zum 2ten Lebensjahr mindestens 2 deutliche Testosteron-Peaks bei „den kleinen Männchen“ („Mini-Pubertät im Säuglingsalter bei Jungen“), welche die Physiologie schon hin zu „mehr (schnell) Kraft“ beeinflussen und auch nicht wegzudiskutieren sind, wenn man im Erwachsenenalter dann medikamentös den Testosteron-Spiegel unterdrücken sollte.

Östrogen, das weibliche Geschlechtshormon, ist aber kein „schlechteres“ oder minderwertigeres Hormon. Es ist anti-katabol – es schützt also vor Proteinabbau – unterstützt die Muskelreparatur, reduziert Proteinabbau im Training, schützt vor Muskelschäden und Gelenke, Knochen und Sehnen, reduziert vermutlich Demenz – es baut Bindegewebe auf. Östrogen hat auch einen „immun-stärkenden“ Effekt auf unseren Körper, zudem sind Frauen durch die beiden X-Chromosome immunologisch robuster – Männer werden also deutlich öfter von Infektionen niedergestreckt – vor allem im Säuglingsalter – und die altbekannte „Männergrippe“ ist tatsächlich nicht nur ein kleiner Witz, sondern sehr realistisch. Dafür kann das „stärkere Immunsystem“ der Frau zu mehr Autoimmunproblemen führen, daher vermutlich auch die höhere Zahl an Multiple Sklerose, Hashimoto oder Rheumatoider Arthritis bei Frauen.

RED-S: Relative Energy Deficiency in Sport

*Die Triade findest du auch als Low Energy Availability (LEA) oder Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S), wobei RED-S die Erweiterung der Triade der sporttreibenden Frau darstellt.

Primär geht es hier um eine zu geringe Energieverfügbarkeit – die zugeführte Nahrung deckt nach Abzug des Trainingsverbrauchs die Grundbedürfnisse nicht. Der Körper schaltet auf Energiesparen: nicht-essenzielle Systeme wie Reproduktion und Wachstum werden gedrosselt, Fett- und Muskelreserven mobilisiert und abgebaut. Bei Frauen sind Zyklusstörungen bis Amenorrhö (wichtiges Warnsignal) eins der deutlichsten Symptome – RED-S kann aber auch Männer betreffen: Hier fehlt oft ein klares Signal, meist kackt die Schilddrüse und die Libido ab!

RED-S Magersucht Triade sporttreibende Frau

Häufig sind erhöhte Verletzungs-/Infektanfälligkeit, Darmbeschwerden, Müdigkeit und Schlafstörungen, Kälteempfindlichkeit, Nachtschweiß, Kopfschmerzen, Ödeme, Libidoverlust, Stimmungstief und Konzentrationsprobleme, erhöhte Gefahr an Stressfrakturen, Osteoporose und niedrige Schilddrüsenhormone (fT3 erniedrigt und TSH erhöht). Nicht selten sind auch verarmte Eisen-Level (Hb, HK, Ferritin, Transferrinsättigung etc. erniedrigt). Die klassische Crossfitterin mit dem sehr geringen Körperfettanteil oder die Bikini-Athletin – nicht selten mit häufigeren Verletzungen – stellen zwar oft ein Schönheitsideal dar, sind aber vielleicht alles andere als der (evolutionäre) Optimalzustand für den weiblichen Körper!

RED-S-Frauen-und-triade-der-sporttreibenden-Frau

Weil Körperfett bei Frauen so viel wichtiger ist als bei Männern, „wehrt“ sich der weibliche Körper vermutlich stärker gegen extrem niedrige Körperfettanteile und radikale Diäten (in dem für das Überleben (un)wichtige Funktionen „abgeschaltet“ werden; wer braucht schon Haare und schöne Haut…). Männer können hormonell häufig noch mit 5–6 % Körperfett gut funktionieren – deshalb fällt ihnen das Halten extremer Magerstände oft leichter – wobei ich dir sagen kann, dass bei 7% Körperfettanteil auch „tote Hose“ ist – Fortpflanzung wird dann hinten angestellt, die Nahrungssuche (Hunger!) wird dann wesentlich relevanter als Sex und Philosophie (Konzentrationsstörungen).

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Dieser Fach-Artikel enthält nicht nur einen Trainingsplan für Frauen, sondern führt dich durch die aktuelle Datenlage zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Bezug zu Sport und Training, Verletzungen, Körperfettanteil, Ernährung und einen kleinen Ausflug zu den evolutionären Hintergründen von häufigen Gesundheitsstörungen der Frau und warum einige Frauen scheinbar deutlich besser auf Krafttraining ansprechen.

Mit dem Wissen aus diesem Artikel kannst du dir ebenso dein eigenes Training planen oder deinen Alltag auf eventuelle Probleme in deiner Ernährung, Sport, Training und Gesundheit scannen, ohne selbst 100te Stunden Studien lesen zu müssen. Und da die Frage oft kam: Boring But Beauty ist ein ganz anderer Artikel mit ganz anderen Inhalten als Boring But Big, beide Artikel ergänzen sich!

Viel Spaß dabei!

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Mehr lesen

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4 Kommentare

riekay

Hallo Chris,

mir ist beim Lesen des Artikels der Absatz zu trans* Frauen aufgefallen. Wenn ich es richtig gelesen habe, beschreibst du darin, dass die biologischen Unterschiede, die durch Geburtsgeschlecht und Pubertät kommen, bei trans* Personen sich nicht signifikant ändern. Das ignoriert aber die körperlichen Veränderungen, die durch Hormonersatztherapie (HRT) ausgelöst werden.

Ein großer Teil trans-identer Menschen unterziehen sich einer Lebenslangen HRT: Bei trans* Männern wird Testosteron hinzugefügt; bei trans* Frauen Östrogen, teilweise Progesteron und Testosteronblocker (wobei es auch Monotherapeutische Ansätze gibt, bei der auf den Blocker verzichtet wird). Die HRT sorgt in beiden Fällen für eine zweite Pubertät, bei der einige Errungenschaften der ersten Pubertät bestehen bleiben, andere aber überschrieben werden. Hier ist eine Auflistung der jeweils möglichen Veränderungen:
Für trans* Männer „hier stand ein Link“.
Für trans* Frauen „hier stand ein Link“.

In dem Artikel bist du nur darauf eingegangen, dass Testosteron-Blocker die Geburts- und Pubertätsunterschiede nicht maßgeblich genug ändern. Ich kann aus eigener Erfahrung als trans* Frau aber den Abbau von Ausdauer und Muskeln durch die HRT bestätigen. Die zitierten Studien von Colineaux et al. 2023 und Hunter et al. 2023 betrachten diesen Aspekt ebenfalls nicht – so weit ich es einsehen konnte. Sie stellen jeweils die biologischen Unterschiede für Performance bei cis Menschen dar (cis: Gender diesseits des Geburtsgeschlechts, trans: jenseits des Geburtsgeschlechts; wie bei den Alpen: cis- und transalpin) – trans* Menschen sind nicht Teil der Studie gewesen und es lässt sich aufgrund von Geburt und erster Pubertät auch kein Rückschluss auf die Leistungsfähigkeit nach einer HRT ziehen. Dass der biologische Vorteil der Pubertät auch nach einer HRT bestehen bleibt, war an der konkreten Stelle nicht belegt. Trans* Menschen dürfen daher auch schon seit Langem bei Wettkämpfen unter dem Zielgeschlecht antreten, wenn die HRT bereits seit mindestens zwei Jahre läuft (dass trans* Frauen cis Frauen sportlich überlegen sind, lässt sich anhand der gewonnenen Wettkämpfe nicht belegen). Ausgenommen sind trans* Männer, da sie für ihre Transition Testosteron nehmen müssen, und deswegen durch die Dopingregelung aussortiert werden – auch wenn ihre Werte, die von cis Männern nicht überschreiten. Spannend wäre es, denn trans* Männer scheinen vom biologischen Potenzial nach einigen Jahren HRT sogar cis Männern zu übertreffen. Fairness in Wettkämpfen ist immer mit einem Asterisk versehen. Unfaire Vorteile wie die Möglichkeit Vollzeit zu trainieren, ein gesunder Körper, Glück beim Genetiklotto, psychische Gesundheit, unterschiedliche Förderungen für Jungen und Mädchen werden bei der Debatte um Fairness gar nicht mitbedacht. Es geht ja oftmals in erster Linie um das Spektakel. Dein Beispiel mit den beiden Boxenden trifft im Grunde den Kern der Debatte: Faire Wettkämpfe sollten anhand von vergleichbaren Parametern entschieden werden. Warum nicht gemischtes Boxen? Dann aber bitte in der gleichen Gewichtsklasse, nicht wie von dir vorgeschlagen Fliegengewicht gegen Schwergewicht.

Vieles von dem was ich hier vorgebracht habe, ist umfangreicher in diesem Video besprochen: „hier war ein YouTube Video“.

Ich weiß, dass du in deinen Formulierungen gerne plakativ bist. Aber die Darstellung von trans* Frauen als biologische Männer mit Perücke, ist nicht nur falsch (mit HRT erfüllt der Körper schlicht nicht mehr alle biologischen Merkmale für männlich), sondern bedient auch ein verletzendes Klischee. Solche Formulierungen geistern einem immer wieder durch den Kopf und ziehen einen in Zweifel. Wenn trans* Menschen anfangen sich als das empfunden Geschlecht nach Außen hin zu zeigen, ist das ein Moment der zum Einen wahnsinnig verletzlich ist. Zum Anderen kann man dabei zusehen, wie ein Mensch heil wird. Ich kenne eine Reihe an Menschen, die mit ihrer Transition nicht mehr suizidal waren. Aber solche leichtfertig dahingesagten Witze auf Kosten von trans* Menschen sorgen dafür, dass Betroffene womöglich später oder nie, diesen Schritt tun.

Soweit mein kleiner Exkurs in die Welt von trans* Menschen, ich hoffe es war interessant zu lesen.

Chris Eikelmeier Physiotherapeut Psychoneuroimmunologie Athlet Chris Eikelmeier

Hallöchen und vielen Dank für deine Ausführungen 🙂
Also, das ist ein vielschichtiges Thema und für Menschen, die damit täglich konfrontiert sind,
das ist wertfrei gemeint, sicherlich ein spannenderes als für Menschen, die damit quasi kaum
Berührungspunkte haben. Es ist nicht und war es auch nie, mein Hauptinteressensgebiet,
da in meiner Welt jeder machen darf was er / sie möchte.

Das ist alles voll okay.

Wenn es schon mit „exogenen Hormonen“ und Medikamenten anfängt, wird jeder
Vergleich mit Naturalsportlern unvergleichlich.

Daten zur Veränderung der Muskelfaserzusammensetzung, Knochendichte und Knochenbau,
Gelenkdicke, Sehnenansatzstellen u.ä. existieren nicht und es ist
sehr unwahrscheinlich, dass diese, maßgeblich an der Kraftübertragung beteiligten Dinge,
jemals ohne Operation änderbar sind. Auch andere Gewebearten / Volumina etc,
ändern sich nicht mehr. Abgesehen davon, dass der Muskelquerschnitt und die Anzahl
der roten Blutkörperchen sich fast wöchentlich ändern können. Wenn ich mir einige meiner Sportler
vorstelle, gebaut wie Bäume und denen das Testosteron wegnehmen würde,
übersteigt deren Struktur ihres Bewegungsapparates nach wie vor
die einer biologischen Frau um WELTEN.

Muskelabbau, wenn du dein Testo unterdrückst und eine reduzierte Ausdauerleistung sind
daher erklärbar über temporär-funktionelle Wirkung der Hormone,
aber die Anlage des Bewegungsapparates findet früher (und unänberbar) statt.
Die Handgelenksdicke wird sich nicht verändern, trägt aber maßgeblich zur Kraftübertragung
und Belastbarkeit bei (nur als Beispiel).

Zudem, du schneidest es ja an: Wenn ein trans*Mann, also eine Frau welche exogen
männliche Hormone zuführt, gegen einen biologischen Mann antritt, kann es schnell unfair werden:
Dann entscheidet nicht mehr die sportliche Leistung, sondern die Dosierung der EXOGEN zugeführten
Medikamente!

Alles in allem ist das, was ich schreibe, schon ok so und ich denke auch verständlich.

Das ist nicht diskriminierend, aber fair: Wenn ich als Naturalsportler gegen eine
hochgestoffte Frau antrete die NATÜRLICH auch durch Testosteron, Wachstumshormone u.ä.
massiv an Muskeln und Kraft aufbauen kann und biologische Natural-Männer
selbstverständlich übertreffen kann an vielen Stellen, dann bleibt auch das
ein unfaires Spiel (es gibt nicht wenige Crossfitterinnen, Gewichtheberinnen, Powerlifterinnen und Bodybuilderinnen
auf Stoff die jenseits von gut und böse performen).
Hier einen Grenzwert einzuführen oder ominöse Regelungen aufzustellen,
sind nicht nur schwer, sondern vermutlich ebenfalls nicht möglich.

Während der Naturalmann dann durch Schlafmangel, Lifestylestress o.ä. natürliche
Hormonschwankungen zeigt, zeigt jemand egal welchen Geschlechts, der diese Hormone
exogen reinjagt, keine dieser Schwankungen. Auch wieder kein faires Spiel.
Beide müssten die gleichen Medikamente nehmen, damit man wieder einigermaßen
sauber vergleichen kann.

Mag man denken wie man möchte und fühlen wie man möchte und auch das
ist keinesfalls wertend gemein: Gestoffe Athleten sollten gegen gestoffte Athleten,
biologische gleiche Geschlechter gegen gleiche Geschlechter antreten und
selbst bei den trans*Athleten/innen, sollten jeweils mindestens 2 Gruppen
differenziert werden. Damit es einigermaßen vergleichbar bleibt.

Es bleibt also dabei, dass man „gleiches mit gleichem“ vergleichen sollte,
damit es für alle fair bleibt. Das Beispiel mit der Olympiaboxerin, die durch einen „eigentlich biologischen
Mann“ niedergestreckt wurde (wie auch andere Beispiele), zeigen ja auch im umgekehrten Fall,
dass es scheinbar nicht so einfach ist.

Bezüglich witzeln, Bildern, Ironie und Satire: Man sehe es mir nach.
Ich mach auch Witze über Schwule, Lesben, Heteros, verletzte, Tiere, Ärzte,
Physio, Mütter, Männer, Frauen… wenn jeder einen Witz oder Ironie persönlich nehmen würde,
dann käme ich aus dem Erklären gar nicht mehr heraus. Daher:
Da ich kein böser Mensch bin, vielen Menschen helfe und aufkläre,
mag man es mir nachsehen, dass ich auch alle Menschen gleich behandle. Ob man
meinen Humor mag oder nicht, das ist ja eine ganz andere Geschichte; jedem
wird man es nicht recht machen können. Wenn man ein solches Bild,
welches im Grunde schon eine Kernaussage trifft (die der unvergleichbarkeit,
unter den Hormonen, unter den langen Haaren etc, bleibt man genetisch und an
vielen Stellen nicht vergleichbar), persönlich nimmt,
dann sollte man schauen wieso man sich dort angesprochen und angegriffen fühlt.
Ich lache auch über Männerwitze, über Physiowitze, usw…

Böswillige Witze oder Beleidigungen erkenne ich in meiner Art zu sprechen / zu schreiben nicht,
sondern nur, neben fachlich korrekten Inhalten, kleinere Sticheleien (wenn überhaupt),
Ironie und Bildchen, wo vermutlich viele Menschen schmunzeln werden.

Es ist also nichts persönlich gemeint.

(deine Links habe ich einmal herausgenommen, das ich nicht irgendwann für irgendwas
verantwortlich sein möchte, was auf externen Seiten passiert / dargestellt wird)

LiGrü
Chris

riekay

Hallo Chris,

vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Das mit den Links versteh ich natürlich.

Schade, dass du das Thema trans*-Medizin/Biologie nicht so spannend findest. Ich dachte, es könnte ein guter Anstoß sein, sich in ein breiteres Forschungsfeld einzulesen. Denn die Erkenntnisse was Hormone im Körper machen, wie sich exogene Hormone auswirken und was sich daraus auch für Rückschlüsse auf den cis Hormonhaushalt schließen lassen, sind wirklich spannend. Ich mag diesen Blick in neue Felder, von denen ich nicht unbedingt betroffen bin, eigentlich sehr gerne.

Ich habe nicht erwartet, dass trans*-Biologie dein neues Lieblingsthema wird. Aber aufgrund der Genauigkeit deiner bisherigen Recherchen hätte ich schon erwartet, dass deine Quellen auch bei diesem Thema fundiert sind. Da war ich tatsächlich etwas überrascht. Auch, weil ich bei einer vorläufigen Suche durchaus wissenschaftliche Studien zur Veränderung von z.B. Muskelfaserzusammensetzung, Knochendichte und Knochenbau unter Hormontherapie gefunden habe. Deshalb sehe ich auch nicht, dass sich die Frage, wer im Sport gegen wen antreten sollte, über kurz oder lang so einfach klären lässt.

Zum Thema Witze vielleicht noch. Humor ist sicherlich Geschmackssache. Und dass Humor in den vergangenen Jahren oft ein Streitthema war, ist mir auch bewusst. Ich lasse mich bei der Wahl meiner Witze daher von der Frage leiten, „Tritt mein Witz nach unten?“. Wenn ja, dann such ich besser einen anderen ;3

Liebe Grüße,
Riekay

Chris Eikelmeier Physiotherapeut Psychoneuroimmunologie Athlet Chris Eikelmeier

Hi Riekay,
ja, also „nicht interessant“ bedeutet nicht, dass Endokrinologie nicht auch ein (kleines) Steckenpferd
von mir ist und was Hormone, deren exogene Zufuhr oder endogene Produktion verändern,
was die aktuelle Datenlage sagt etc, ist natürlich immer wieder und schon immer Thema bei mir
und meinen Patienten. Wenn auch ein „Naturalsportler“ insgesamt wenig Interesse
an exogenen Hormonen hat, in der Regel.

Aber was du schreibst, ist speziell „trans*Biologie“ gar nicht meine Welt, einfach weil es mir egal ist.
Komplett neutrales und wertfreies „Egal“, wie bei einer Religion, Meinung, einer Vorliebe: Jeder wir er / sie möchte,
so lange andere Menschen dadurch nicht zu Schaden kommen.

Ich habe da aber auch in meiner Praxis wenig Berührungspunkte, außer bei Blutbildern und deren Referenzwerten,
wo das mal eine Rolle spielen kann, bzw. da komme ich zum eigentlichen Thema was ich im Beitrag ansprechen wollte:
Das Selbstbestimmungsgesetz, dass ein Mann sich als Frau definieren darf und DANN als biologischer Mann
gegen Frauen antritt und ähnliche Konstrukte. Oder andere Vergleiche zwischen Mann und Frau.

Das hätte ich deutlicher beschreiben können. Kam mir aber erst jetzt nach deine zweite
Nachricht: Trans*Biologie war da gar nicht das Ursprungsthema, daher nutze ich diesbezüglich auch keine
direkten Daten oder bin auch nicht auf HRT o.ä. eingegangen.

Es geht in dem Artikel primär um die Unterschiede zwischen Mann und Frau, die Vorteile und Nachteile beleuchten,
und unsere Biologie besser erklären sollen, damit die Leser*innen den eigenen Körper besser verstehen lernen.

Da es auch kein 189€ Fachbuch ist, sondern es primär um Training + Ernährung geht
und das Kapitel dazu auch nicht allzu lang ist, möge man es mir nachsehen,
dass ich nicht alle Facetten diesbezüglich beleuchtet habe (und auch nicht wollte).

Vllte nutze ich deine Anregungen mal dazu ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.

Bezüglich des Witzes: Ich glaub schwarzer Humor, Sarkasmus, Ironie, Sticheln, egal welche Gruppe,
ich denke Humor darf alles, wenn es nicht zu tief geht und nicht beleidigend wird. Beispielsweise
kann man einen Witz machen, alle lachen und man macht weiter, dann wird es irgendwann unangenehm.
Ansonsten sehe ich Humor (noch) als einen recht freien Raum, der auch vor Politik,
Geschlecht, Geschichte, Religion keinen halt macht, sofern er nicht beleidigt.

Wie beim Essen: Ist komplett Geschmackssache. Oder anders ausgedrückt:
nicht alles auf die Goldwaage legen, vor allem wenns nur Spaß ist 🙂

Liebe Gruß,
Chris

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